Samstag, 23. April 2016

Experiment geglückt – doch es bleiben Fragen


Die Bauern, die 1575 an dieser Stelle fünf lange Wochen ausharren mussten, hatten definitiv die Hölle auf Erden gefunden, denn bei maximal 10 Grad Celsius, alles durchdringender Nässe und einem Luftzug wie durch einen offenen Kamin waren die Auswirkungen vorherzusehen: Krankheit, Depression, Verzweiflung – der Wahnsinn schlechthin.
Doch es sollte für sie noch schlimmer kommen: Wer direkt unter dem vergitterten Einstieg lag, der bekam auch als Erster die stinkenden Ausscheidungen der Wachleute ab, die im kühlen Herbst ihren Posten sicher nicht wegen eines umständlichen Gangs zum Abort verlassen wollten. Und davon einmal abgesehen – auch für die Inhaftierten gab es keine Möglichkeit, sich des eigenen Urins und Kots vernünftig zu entledigen. Das galt sicher ebenfalls als Teil der entwürdigenden Strafe.

Da Maik und ich bereits nach wenigen Stunden in der kalten Zugluft wie die Schneider froren, wollten wir uns lieber einen anderen Platz suchen. Weiter hinten in dem Loch war es zwar dunkler und sicher auch stickiger, aber der Liegeplatz dort schien etwas größer zu sein. Allerdings mussten wir uns diesen erst noch frei räumen, denn überall lagen grobe Steine herum. Und während unserer Arbeit tauchten sogar Knochenfragmente zwischen all dem Schutt auf. Oh, wie aufmunternd!
Die Steine schichteten wir zu einem kleinen Wall um uns herum auf, um nicht beim Schlafen versehentlich in die Grube zu fallen, die sich in der Mitte des "Raumes" befand. Genau hier sollte außerdem unsere Laterne stehen. Am tiefsten Fleck. Denn ihre Funktion bestand nicht nur darin, uns ein wenig Licht zu spenden, sondern (viel wichtiger) sie sollte uns den Sauerstoffgehalt in der Luft verraten. Erlosch die zarte Flamme in den kommenden Stunden, dann hatte sich das Experiment sowieso erledigt.

Für die nächsten drei Stunden wurde nun der Würfelbecher unser liebstes Unterhaltungsgerät, das Klappern der springenden Würfel unsere Lieblingsmelodie.
Doch was mochten die Inhaftierten hier unten all die Tage und Wochen getrieben haben? Wie schlimm hatten sie gefroren, gelitten? Wie hatten sie sich eventuell Mut gemacht?

Nach weiteren zähen Stunden hatten wir uns einigermaßen mit den widrigen Umständen abgefunden. Das Stroh isolierte die Bodenkälte besser als vermutet. Aber wie mochte das bei Nässe gewesen sein oder wenn fünf Männer im Raum ihre Notdurft verrichteten?
Unfassbar, dieser Gedanke! Und für uns tabu. Von Anfang an stand fest, dass wir für eben jene Situation ein einziges Mal das "Angstloch" verlassen dürften – aber nur für zehn Minuten.

Irgendwann fielen uns dann die Augen zu. Die Kälte hatte uns inzwischen völlig durchdrungen, von der Nasenspitze bis zum kleinen Zeh. Aber wer – wie wir – oft im Herbst in den skandinavischen Wäldern das Zelt aufschlug, der kannte es gut, dieses kribbelnde Gefühl des permanenten Frierens.

Am nächsten Morgen werde ich einem Journalisten von der SZ sagen, dass da unten eine Ruhe herrschte, die schon beinahe wehtat. Wir konnten sogar die Mücken hören, die gegen die Felsmauern knallten. Was für verrückte Beobachtungen man in einer derartigen Lage anstellt!
Aber vielleicht hatte ich auch noch ganz andere Dinge wahrgenommen, die nichts mehr mit dieser Welt zu tun hatten? Mehrfach war ich nämlich überzeugt davon, dass sich nur wenige Zentimeter vor dem meinen ein weiteres Gesicht in der Finsternis befände, das mich anstarrte. Maik ging es übrigens ganz ähnlich …
Deshalb kreisten unsere Gedanken auch um das einzig Vernünftige: das erste Tageslicht, das sich durch die viereckige Öffnung über uns zwängen würde, und den kurz darauf erfolgenden Ausruf der Museumsleitern der Burg Lauenstein, Frau Gelbrich: "Geht es Ihnen noch gut da unten? Kaffee zum Frühstück?"

Selten sind wir so erleichtert aus einem Loch herausgekrochen. Das Experiment "24 Stunden Angstloch" war geglückt, doch Fragen blieben. Fragen wie: Warum taten Menschen anderen Menschen etwas Derartiges an? Hofften sie tatsächlich, den anderen auf diese Art ändern zu können? Durch Erniedrigung, Entkräftung, Schmerzen? Und sind wir heute tatsächlich besser?
Doch jetzt hieß es erst einmal Hände schütteln, Staub abklopfen und neue Pläne schmieden: Es hat doch in Lauenstein mit Sicherheit auch einen Galgen gegeben. Welch schauderhafte Geschichten uns der Ort, an dem sich dieser befand, wohl erzählen könnte? 

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