Donnerstag, 2. Juni 2016

Der Galgenberg von Dohna


Vor einigen Wochen hatte ich im Heimatmuseum Dohna einen Termin mit Frau Lohberg, der Museumsleiterin. Mein Anliegen war vielleicht etwas anders als das der meisten Leute, die ins Museum gehen und etwas über die Dohnaer Burggrafen wissen wollen. Denn ich interessierte mich ausschließlich für die Fälle von Hinrichtungen auf dem nahe gelegenen Galgenberg, der bereits von den Dohnaer Burggrafen genutzt worden sein soll. Nach allen zur Verfügung stehenden Chroniken und alten Handschriften handelte es sich bei dem einstigen Galgenberg um eine geologische Erhebung, die heute "Kahlebusch" genannt wird und die eine Fundgrube für so manche kleine Muschel aus der Kreidezeit ist (natürlich verboten!). Der Kahlebusch ist allerdings in den zurückliegenden Jahrhunderten für den Straßenbau stark abgebaggert worden, sodass seine einstigen Ausmaße heute nur noch schwer abzuschätzen sind.
Wenn die Dohnaer Burggrafen für drei Jahrhunderte den gesamten Elberaum bis zum Dresdner Gau Nisan beherrschten und sogar die hohe und niedere Gerichtsbarkeit innehatten, dann stellte sich für mich eine entscheidende Frage: Wo wurden all die Verbrecher, Diebe, Mörder, Kirchenräuber und Wegelagerer hingerichtet?
In den alten Chroniken werden gelegentlich zwei Galgen beschrieben, sogar im nahe gelegenen Köttewitz. Aber natürlich war und ist der Kahlebusch genau solch eine Art von Hügel, auf dem ich als Burggraf selbst den Galgen errichten würde, da dieser so von überall gut zu sehen wäre.

Kahlebusch
Meine Frage an die Museumsleiterin Frau Lohberg war deshalb: Wurden jemals archäologische Grabungen am Galgenberg bzw. am Kahlebusch durchgeführt? Und müssten da nicht wenigstens ein paar Knochen zu finden sein? Denn wir wissen ja, die Gehenkten blieben dort in ungeweihter Erde am Galgen liegen. Niemand hatte ein gesteigertes Interesse daran, diese auf dem Friedhof zu begraben. Was also könnte man dort noch finden, nähme man einmal einen Spaten in die Hand? Und vor allem: Müssten die Hinrichtungen dort nicht auch dokumentiert worden sein? Oder verschwanden mit der Vertreibung der Burggrafen im Jahre 1402  auch sämtliche Schriftstücke, Urkunden und Dokumente?
Dagegen spricht, dass das Schöppengericht noch eine ganze Weile in Dohna weiterexistierte und auch die Wohngebäude auf dem zerstörten Burggelände waren noch wenigstens bis zum 15. Jahrhundert bewohnt. Rätsel über Rätsel … Aber genau da fängt ja der Spaß erst an – wenn alles so richtig schön verworren scheint.

Frau Lohberg führte mich schließlich zu ihrem "Heiligtum" – einem uralten Bücherschrank. Und es dauerte nur wenige Minuten, bis aus dem Regal ein kleines Büchlein herausrutschte. Aus dem Augenwinkel fiel mir sofort ein Name auf, der auf dem Deckel stand und den ich kannte. Ich griff neugierig nach dem gut erhaltenen, handgeschriebenen Buch, das sehr feste Seiten enthielt, fast schon wie aus Pappe. 

Der Name "Krell" war es, der mir auffiel und mich stutzig machte. Und die Jahreszahl 1601. Sollte es sich hier etwa um eine Schrift über die Hinrichtung des Dresdner Kanzlers und Hofrats Nikolaus Krell handeln, jenes von der Kurfürstinwitwe Sophie von Sachsen (einer orthodoxen Lutheranerin) so verhassten Calvinisten, der nach zehnjähriger Festungshaft in Königstein im Oktober 1601 als altersschwacher Mann auf einem Stuhl zum Schafott auf dem Dresdner Neumarkt getragen werden musste, wo er vom damaligen Scharfrichter Kunz Polz enthauptet wurde?
Doch was suchte eine derartige Handschrift ausgerechnet in Dohna? Hatte Dohna damit etwas zu tun? Und wieso führte mich eine Dresdner Hinrichtung eigentlich schon wieder in diese Stadt?
Oh, die Sache begann sehr nach Abenteuer zu riechen! Mir kribbelte es bereits in den Fingern.














Fortsetzung folgt ...

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