Mittwoch, 12. Oktober 2016

Ein Kran für einen Henker

Fast jeder hat ihn schon einmal gesehen - den Schwerlastkran, der momentan an der Dresdner Flügelwegbrücke steht. Einer der Größten seiner Bauart und somit eine imposante Erscheinung mit seinen V-förmigen Auslegern, die weit in den Himmel ragen.

Was hat nun dieser Kran in einem Blog über mittelalterliche Gerichtsbarkeit zu suchen?
Das erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Ich selbst habe von der folgenden Geschichte in einem von mir besuchten "Kran-Lehrgang" erfahren und daraufhin weiterrecherchiert.
In eben diesem Lehrgang ging es unter anderem um Kran-Bautypen. Der Schwerlastkran im Alberthafen an der Flügelwegbrücke würde "Derrickkran" genannt und der Seminarleiter verwies darauf, dass der Namensgeber ein gewisser Thomas Derrick gewesen sei, der als "Henker von Tyburn" Bekanntheit erlangte.

Derrickkran im Dresdner Alberthafen
Thomas Derrick war ursprünglich Seemann der englischen Flotte. Unter anderem nahm er 1596 an der Expedition des Robert Devereux, 2. Earl of Essex (ein Günstling und Favorit der Königin Elisabeth I.) teil, bei welcher die spanische Hafenstadt Càdiz erobert wurde.
Leider benahmen sich die englischen Seeleute dort nicht wirklich anständig. Sie plünderten und brandschatzten in der Stadt und vergewaltigten spanische Frauen, sodass man sich genötigt sah, ein Exempel zu statuieren: Es wurden 24 Seeleute zum Tode verurteilt.


Nun aber gab es ein Problem: Man hatte keinen Henker dabei und es wollte auch niemand diese undankbare Aufgabe übernehmen. Also bestimmte der Earl einen der Verurteilten, Thomas Derrick, die anderen zu hängen. Er wurde dafür begnadigt.
Als Seemann war Derrick der Umgang mit der Schiffstakelage wohlbekannt und so konstruierte er damit einen Ausleger und konnte dadurch die restlichen 23 Verurteilten mit einem Mal hängen. Das nennt man Effizienz ...

Da er nun aber einmal gerichtet hatte, konnte er nichts anderes mehr tun. Er galt ab sofort als Unehrenhafter und übernahm nach seiner Rückkehr nach England den Galgen von Tyburn, einem Vorort von London.
In seiner Funktion als Henker von Tyburn richtete Derrick sage und schreibe mehr als 3000 Menschen. Aber es kommt noch skurriler: Durch Selbstüberschätzung und die Missachtung von Befehlen verspielte Robert Devereux nach und nach die Gunst der Königin. Er verfiel auch zunehmend in Melancholie und ein Hang zu Verschwörungstheorien machte sich bei ihm breit. Am 8. Februar 1601 versuchte er schließlich, in einem Staatsstreich die Macht in London an sich zu reißen – was aber kläglich misslang. Er wurde noch in derselben Nacht festgenommen und zum Tode verurteilt.
Am 25. Februar 1601 wurde er im Tower mit dem Schwert gerichtet – und zwar von dem noch immer amtierenden und von ihm einst bestimmten Thomas Derrick.

Bei dieser Hinrichtung zeigte sich übrigens der große Unterschied zwischen den geforderten enormen Fertigkeiten eines Scharfrichters, der "scharf richtete" (mit der Schärfe des Schwertes), und einem Henker (ursprünglich der Vollstrecker einer Hinrichtung durch das Hängen). Thomas Derrick brauchte nämlich zum Enthaupten des Earls ganze drei Hiebe. Hängen war wohl eher sein Ding ... Kein Wunder also, dass nach ihm und seinen morbiden Hinrichtungs-"Erfindungen" Bohrturmgerüste, Derrickausleger und der Derrickkran benannt sind.

Mein Fazit also: So ein Lehrgang kann manchmal auch in anderer Richtung interessant sein. Wer weiß schon, was für Geschichten selbst unter den scheinbar "trockensten" Themen verborgen sind …


Euer Thomas

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