Freitag, 24. Februar 2017

Richtstättenarchäologie

Während meiner Recherchen zu diversen mittelalterlichen Strafpraktiken stieß ich immer wieder auch auf den Namen einer Archäologin: Dr. Marita Genesis. Was sie zu sagen hatte, entfachte schon früh meine Neugier. Ganz klar, hier hatte ich es mit einer Praktikerin zu tun, die sich ihre Finger auch gerne selbst einmal an Schaufeln und Bürsten schmutzig machte. Selten zuvor hatte ich Berichte über Ausgrabungen mit solch einer Lust am Entdecken gelesen. Und ihre Funde hatten durchaus das Zeug, einem den Magen umzudrehen. Mich begeisterten zudem ihr detektivisches Gespür, ihr methodisches Vorgehen, diese seltene Kunst, Details eine Bedeutung zu geben, scheinbaren Nebensächlichkeiten eine Bühne zu bieten. Das imponierte mir!
Wenn es um Mord und Quälereien im Mittelalter geht, haben ja auf einmal erstaunlich viele Leute Sachverstand und ein ungezügeltes Bedürfnis zum Plaudern. Aber um ganz ehrlich zu sein: Das meiste davon soll dem Leser lediglich - möglichst öffentlichkeitswirksam - das Herz in die Hose rutschen lassen.
Die Rubriken von Frau Dr. Genesis verschlang ich dagegen immer wieder gierig und erst durch ihre präzisen Beschreibungen leuchteten mir so manche verworrenen Rechtspraktiken der mittelalterlichen Zeit ein. Puzzlestücke fanden zueinander, formten sich zu Bildern, die immer deutlichere Konturen annahmen. Mit dieser Wissenschaftlerin wollte ich unbedingt Kontakt aufnehmen. Sie schien genau aus dem Holz geschnitzt zu sein wie Thomas und ich auch, sodass sie das Anliegen unseres Buches sofort verstehen würde. Denn das Feld, auf dem Frau Dr. Genesis forscht, ist die Richtstättenarchäologie.
Was das ist?
Nun, das Beste wird sein, ich lasse sie dazu selbst einmal zu Wort kommen:

Dr. Marita Genesis - Quelle: www.richtstaettenarchaeologie.de
„Richtstätten des Mittelalters und der Neuzeit wurden regelmäßig an Wegkreuzungen, vor Stadtmauern, an Gemarkungsgrenzen und auf natürlichen oder künstlich angelegten Anhöhen errichtet. Aus Holz oder Stein erbaute Gerüste demonstrierten die Blutgerichtsbarkeit der Territorialherren. Die Zurschaustellung der Körper auf dem Galgen oder dem Rad sollte gleichzeitig der Prävention und Abschreckung dienen.
Als stumme Zeugen ihrer Leiden unter den Hochgerichten vergraben, geben die Toten noch heute ein beredtes Zeugnis ihres Martyriums wieder.
Die Richtstättenarchäologie befasst sich mit der Untersuchung der baulichen Überreste sowie der Freilegung, Dokumentation und Bergung der Skelette. Diese noch verhältnismäßig junge Disziplin im Bereich der Rechtsarchäologie ermöglicht es, durch die Erfassung der materiellen Überreste historischen Strafrechts Rechtsnormen und historische Rechtsvergangenheit an Orten und Regionen zu rekonstruieren und zu interpretieren.“

Das zumindest verrät sie uns auf ihrer Internetseite: http://www.richtstaettenarchaeologie.de/

Ich nahm also irgendwann Kontakt zu ihr auf. Und eines schönen Tages rief sie mich sogar zurück. Sie war gerade dabei, neue Ausgrabungen vorzubereiten. Aus mehreren Schreiben und Telefonaten in der darauffolgenden Zeit wuchs die Idee zu einem Vorwort für mein neues Buch „Vom Hängen und Würgen – Dresdens schaurige Geheimnisse“. Dass sie dieses mit einem Beitrag zur Richtstättenarchäologie bereichern wollte, fand ich genial.
Und wisst ihr was?
Ich finde es großartig, dass es Menschen mit solch ungewöhnlichen Herangehensweisen gibt. Denn auch in „Vom Hängen und Würgen“ wollen Thomas und ich den Blick auf bislang Verborgenes lenken. Für ihre Inspiration gilt Frau Dr. Genesis unser Dank. Wir freuen uns sehr, dass sie unser Projekt unterstützt.

Euer Mario

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