Freitag, 10. März 2017

Dresdens grausigster Ort

Vor 302 Jahren – und zwar genau am 8. März – hätte man in Dresden wahrscheinlich ganz unbehelligt durch die Straßen und Gassen spazieren können, vielleicht sogar als Langfinger. Denn die Stadt war wie leergefegt. Dafür hatte sich am Morgen jenes Tages ein gewaltiger Menschenstrom über die Dresdner Brücke in Bewegung gesetzt. Ziel der etwa 20 000 Schaulustigen war die Richtstätte hinterm „Schwarzen Thor“ von Altendresden, jenem rechtselbigen, zuweilen ein Schattendasein fristenden Stadtteil, der inzwischen – nach einem verheerenden Feuer im Jahre 1680 – den Namen „Neue Königsstadt“ erhalten hatte. Denn an diesem schicksalhaften Tag im März 1715 sollte der vielleicht berühmteste Räuberhauptmann, der je sächsisches Hoheitsgebiet betreten hatte, in einer gewaltigen und aufsehenerregenden Inszenierung exekutiert werden, gemeinsam mit vier weiteren Hauptleuten seiner berüchtigten „Schwarzen Garde“. Sein Name: Lips Tullian.

Der Dresdner Scharfrichter und seine Stockknechte hatten alle Hände voll zu tun, denn unter die schier unheimliche Menge an Zuschauern hatte sich sogar Kurfürst August der Starke höchstselbst gemischt, um dem grausigen Theater beizuwohnen. Denn die Hinrichtung der Hauptleute der „Schwarzen Garde“ durch Enthaupten mit dem Schwert und das sich anschließende barbarische „Radebrechen“ (Rädern) sollte als unmissverständliche Warnung an all das Raubgesindel gelten, das sich zu jener Zeit in Sachsen breitgemacht hatte und sogar die Heidewälder gefährlich hatte werden lassen.


Die Hinrichtung Lips Tullians und seiner Männer sollte als eines der grausigsten Ereignisse in die Stadtchroniken Dresdens eingehen. Ihr verdanken wir aber wohl die offenbar einzig erhaltene Darstellung des Hochgerichts „Auf dem Sande“ mit steinernem Galgen, Rädern, Brandsäulen und sogar einem hölzernen Galgen.
Natürlich kostete eine Hinrichtung dieser Art viel Geld. Aber offensichtlich ging die Kriminalität auf sächsischem Boden nach diesem 8. März 1715 tatsächlich etwas zurück. August der Starke hatte seinem Namen also mal wieder alle Ehre gemacht …
Später soll es einigen Dresdner Bürgern gelungen sein, das für kurze Zeit unbeaufsichtigte Rad mit dem zerstückelten Körper des Bandenchefs aufzusuchen, um ihm die Daumen abzukneifen. Als Glücksbringer. Die standen zu der Zeit ja hoch im Kurs.

Heute sieht der Platz, an dem sich das Dresdner Hochgericht „Auf dem Sande“ befand, ganz anders aus. Unmittelbar daneben, auf der Königsbrücker Straße, rumpeln jeden Tag zahlreiche Autos in Richtung Stadtzentrum oder zum Flughafen. Nichts von dem Grauen aus alten Tagen ist geblieben. Aber der Schein ist vielleicht trügerisch, denn wir wissen ja nicht, was das Erdreich bis heute vor unseren neugierigen Augen verbirgt.


Wollt ihr mehr über Lips Tullian und seinen grauenhaften Tod durch Schwert und Rad wissen, dann schaut in mein soeben erschienenes Buch „Vom Hängen und Würgen – Dresdens schaurige Geheimnisse“. Dort steht alles drin, bis ins letzte Detail …


Euer Mario

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