Montag, 29. Oktober 2018

KW 44: Mord und Totschlag

Doch worum geht es in Lauenstein genau?

Dazu müssen wir dann doch mal einen Blick in die Stadtchronik werfen. Diese ist erstaunlich dünn, was aber nichts zu bedeuten hat.
Von allen kriegerischen Auseinandersetzungen hatte vor allem der Einfall der Hussiten im Jahre 1429 die Stadt und ihre Einwohner übel mitgenommen. Wenngleich der Dreißigjährige Krieg und der Durchzug der napoleonischen Truppen im Jahre 1813 tiefe Narben hinterließen, so waren es dennoch vor allem die Hussiten, die sich auf den Buchseiten durch ihr gewaltvolles Auftreten zu verewigen wussten.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war die Feste Lauenstein nur eine Burg von vielen. Sie sollte die viel begangenen Handelswege absichern. Die wichtige Fernhandelsstraße für die Kaufleute aus dem Böhmischen über die Erzgebirgskämme, hier vor allem der Kullmer Steig, und auch die Transportstraßen für das begehrte Silber und Zinn lockten jede Menge Raubgesindel. Gleichzeitig zog aber der Bergbau auch neue Gewerke an. Zimmerleute, Seiler, Dachdecker, Imker und Fleischer, Bäcker und Schmiede folgten dem „Berggeschrey“. Sie alle siedelten sich um die Burg herum an. Das verliehene Bierbraurecht ließ vielleicht so manchen fleißigen Handwerker erst recht hier Wurzeln schlagen, denn dieses kostbare und süffige Privileg erhielten sonst nur große Städte.
Es hätte also alles gut werden können.
Doch dann kamen sie, die Hussiten, mit ihren Wagenburgen, den Sensen und Dreschflegeln. Radikale Schlägertrupps, allen voran die Taboriten, die alles kurz und klein schlugen, was nicht in ihr Weltbild passte. Und das, obwohl ihre Leitfigur Jan Hus, der für seinen fortschrittlichen Glauben sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war, genau das Gegenteil predigte – nämlich Verständnis, Erkenntnis, Toleranz und Gewaltlosigkeit.
Die Hussiten machten vor allem bluttriefende Schlagzeilen durch ihre entgleisenden Gewaltexzesse. Das Grauen eilte ihnen stets voraus. Rumpelte irgendwo ein Wagen durchs unwegsame Unterholz, wussten sich die Menschen angstschlotternd hinter den Festungsmauern ihrer Burgen zu verschanzen. Die Zeiten waren grausam, der Tod kam schnell und er lauerte hinter jedem Mauervorsprung. So auch in Lauenstein.
In der Brandner-Chronik von 1841 wird bereits auf den ersten Seiten auf eine interessante Besonderheit hingewiesen: Drei in die Vorderseite des Schlosses eingemauerte steinerne Kugeln sollen die Wirren von Überfällen und Kriegsleiden belegen. Die Hussiten hätten 1429 Lauenstein hart angegriffen heißt es dort. Und ein paar Seiten weiter wird Brandner genauer, als er für die Nachwelt festhält: „Allein im Hussitenkriege wurde der größte Theil der Vorstadt Lauensteins verwüstet, niedergebrannt und zerstört, weil den Feinden gerade der Platz, wo diese Häuser standen, am passendsten schien, um die Burg Lauenstein mit Wurfmaschinen berennen zu können. Dies geschah namentlich im Jahre 1429, wo die Hussiten unter ihrem Anführer Procopius (Prokop), auf ihrem Zuge nach Böhmen die sächsischen Städte und Festen, von Meißen an bis in die Lausitz hart mitnahmen und fast sämtlich zerstörten.“

Nun, diese lebendigen Berichte waren der Auslöser für ein spannendes Experiment. Mir kribbelte es bereits im Bauch. In meinen Gedanken drehte sich tagelang alles um Kugeln, vor allem um welche aus Stein. Nicht unerwähnt sollte ich jedoch folgendes Detail lassen: Die drei gewaltigen Steinschleuderkugeln stecken bis zum heutigen Tage fest in der Wand, und zwar in zehn Metern Höhe. Nahezu unerreichbar für jede normale Leiter.
Als ich die Schlossverwalterin Frau Gelbrich mit meiner kleinen abenteuerlichen Idee vertraut machte, fand ich in ihr sofort eine Gleichgesinnte. Auch sie hatte Lust, dem Wahrheitsgehalt der Geschichte auf den Grund zu gehen. Bestanden die Kugeln am Ende doch nur aus Pappe oder waren es angeklebte halbrunde Schalen? Steckten sie wie Korken in den Löchern fest und verstopften Zugänge zu Hohlräumen mit spektakulärem Inhalt? Oder wie wäre es mit Spezialbehältern, die innen einfach hohl waren? Offenbar hatte sich bisher noch keiner die Mühe gemacht, das Rätsel zu lösen. Grund genug für mich, jede Menge gewagte Pläne zu entwerfen, die mich in die Nähe der ersehnten Kugeln brächten. Eine Zeitlang machte die Idee des Abseilens übers Dach das Rennen. War der Dachstuhl eigentlich noch fest? Dann folgte Idee Nummer zwei: ein Versuch übers Fenster aus dem Türkensaal. Doch dann erinnerte ich mich an den berühmten Prager Fenstersturz – und der löste immerhin den Dreißigjährigen Krieg aus. Ich überlegte mir das also noch mal mit der Leiter. Mindestens zwölf Meter musste diese lang sein. Gab es das überhaupt? Und wie sollte man die in den Innenhof des Schlosses bekommen?

Fortsetzung folgt …

Euer Mario


Montag, 22. Oktober 2018

KW 43: Hoch hinaus

Letzte Woche hatte ich euch ja schon darüber berichtet, dass ich mich für ein Rätsel in luftige Höhen gewagt habe.
Und nun ... 

Ein mehr als zaghafter Blick nach unten. Kann das gutgehen? Und falls ja, was hab ich davon? Was kann es an dieser weiß getünchten Wand so Aufregendes geben, das diesen halsbrecherischen Aufstieg rechtfertigen könnte?
Die Schlossverwalterin hat jedenfalls ihre volle Unterstützung zugesichert. Sie steht unten mit dem Dachdeckermeister Andreas Kretschel zusammen. Er ist entspannt, sie etwas nachdenklich, fast besorg. Von ihm stammt dieses gigantische Leiterungetüm. Im Herbst nutzt er sie, um Laub aus den Dachrinnen der Häuser zu sammeln. Doch die Rinnen interessieren uns heute nicht im Geringsten.
Aber was ist es dann?


Bleibt gespannt,

euer Mario 
















Dienstag, 16. Oktober 2018

KW 42: Der Herbst steht auf der Leiter

Der goldene Herbst ist auch auf Schloss Lauenstein angekommen. Mit spektakulärer Farbenpracht legt er sich ins Zeug, vor allem die roten Weinblätter verzaubern die alten Gemäuer, als wäre kurz zuvor ein hochbezahlter Dekorateur unterwegs gewesen und hätte kunstvoll da und dort Hand angelegt.

Fast könnte einem schwindlig werden, wenn man diese betörenden Farben sieht. Wenn da nicht ein anderes Ereignis wäre …

Was hat denn diese zwölf Meter lange Leiter an der Schlossmauer verloren? Soll etwa die Burg erstürmt werden? Jetzt, im Jahre 2018?
Bestimmt nicht.
Doch welchen vernünftigen Grund sollte es sonst geben, die vierzig Aluminiumsprossen bis direkt unters Dach zu steigen – ausgerüstet mit Hammer, Zollstock, Pflanzensprüher und einem Messer? Und was hat das alles am Ende mit einem Scharfrichterschwert  oder einer Bergmannsaxt gemein?

Seid ihr neugierig genug? Das Rätsel ist zu knacken. Aber zunächst muss einer rauf in luftige Höhen. Und das bin wohl ich. Wieso, weshalb, warum? Aufklärung naht. Versprochen!

Euer Mario

Donnerstag, 4. Oktober 2018

KW 40: Am Galgen von Bad Belzig

Wir waren in der letzten Woche wieder in Sachen mittelalterliche Gerichtsbarkeit unterwegs – diesmal in Bad Belzig und in bester Gesellschaft von Dr. Mark Benecke.
Ab Minute 7 sind wir in seinem hier folgenden Video zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=Grjsb2P_cnE&feature=share

Und auch ein paar Bilder haben wir euch mitgebracht. Darauf zu erkennensind wir neben Dr. Marita Genesis (Richtstättenarchäologin) und Dr. Mark Benecke (Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie).





Es war uns eine Freude und Ehre, dabei gewesen zu sein.

Mario & Thomas



Fotos: Mario Sempf 

Donnerstag, 2. August 2018

KW 31: Ebbe an der Elbe

Es ist so weit – das Flussbett der Prießnitz ist trocken, und auch die Schifffahrt auf der Elbe ist wegen des extremen Niedrigwassers eingestellt worden. Die "Weiße Flotte", die älteste und größte Raddampfer-Flotte der Welt (1836 gegründet) und ein Wahrzeichen Dresdens, muss am Ufer bleiben. Was für ein touristischer und wirtschaftlicher Schaden für die Stadt, wenn sich die Schaufelräder nicht im Wasser drehen!

Wasser benötigte man schon immer für eine Bewirtschaftung des Flusses. Früher gab es rund um Dresden Gemeinden, die ganz wesentlich von der Elbe lebten, unter anderem der heutige Stadtteil Loschwitz. Hier waren es die sogenannten Treidler oder Bomätscher, welche seit dem Mittelalter Schiffe mit Seilen und Muskelkraft die Elbe entlang brachten – in der Regel stromaufwärts. Der Pfad, den die Schiffszieher dabei nutzten, wurde Treidelpfad oder Bomätscherpfad genannt. Diesen kann man auch heute noch am Ufer der Elbe gut erkennen. Große Stahlringe zeugen zudem von dieser harten und gefährlichen Arbeit, denn wenn man nicht achtgab, konnte man leicht in die Fluten gerissen werden und dort ertrinken. 

Sandsteinrelief "Treidler" (Edmund Moeller) an der Albertbrücke, Foto: privat


Das Aufkommen der Dampfkraft im 19. Jahrhundert veränderte die Situation an den Flüssen jedoch schnell. Bei der Binnenschifffahrt begann man mit der Ketten- und Seilschifffahrt, hier zog sich der Schlepper an einer Kette oder einem Seil vorwärts, hinter sich bis zu zehn Lastkähne. Später zogen Radschleppdampfer die Kähne. So wurde der Berufsstand der Treidler immer mehr zurückgedrängt und innerhalb nur weniger Jahre völlig bedeutungslos. So mancher Bomätscher soll daher aus Frust Steine auf die neuen Schiffe geworfen haben, die ihn um seine Existenz brachten. 

Kettendampfer auf der Elbe bei Dresden, Paul Hendel 1882

Doch auch ein Treideln wäre unter den heutigen Bedingungen nicht möglich gewesen. Hoffen wir daher, dass es bald wieder ausgiebig regnet. Das wäre nicht nur für die Schifffahrt gut, sondern würde zudem die Situation der Dresdner Wasserwerke entspannen, die auch in diesen Dürrezeiten für ausreichend kühles Nass sorgen.

Mehr über die Wasserversorgung in Dresden seit dem Mittelalter erfahrt ihr in der nächsten Woche.

Bleibt gespannt,

euer Thomas

Mittwoch, 25. Juli 2018

KW 30: "Wenn du mich siehst, dann weine"

Dresden stöhnt unter der derzeitigen Trockenheit und der Elbepegel fällt und fällt. Wer heute am Elbufer spazieren geht, den erwartet ein eher trostloser Anblick. Der stolze Strom, wo ist er? Und wo sich sonst am Wochenende zahlreiche Familien mit Kindern an der Prießnitz-Mündung zum Baden treffen, kann man derzeit froh sein, wenn wenigstens noch die Füße nass werden.
Aber es ist nicht das erste Mal, dass die Elbe einen solch niedrigen Stand erreicht hat. Bei uns habt ihr ja schon einmal über die sogenannten "Hungersteine" gelesen, die man auch jetzt wieder sehen kann.

Hungersteine sind bei Niedrigwasser im Flussbett sichtbar werdende große Steine. Sie weisen auf die großen Gefahren von Hungersnöten hin, die mit diesen Dürrezeiten in Verbindung stehen. Hungersteine sind daher oft mit Jahreszahlen oder Inschriften versehen, um an solche Niedrigwässer zu erinnern. Der Hungerstein im tschechischen Děčín ist dabei einer der ältesten an der Elbe. Die älteste lesbare Inschrift auf dem Stein stammt von 1616. Ältere Inschriften (1417, 1473) sind im Laufe der Zeit verschwunden.


Aber nicht immer stellten die niedrigen Wasserstände der Elbe für alle Menschen vordergründig ein Problem dar. Im Jahr 1904 zum Beispiel führte der Fluss so wenig kühlendes Nass, dass es in Dresden zu einem regelrechten "Goldrausch" kam. Viele suchten in dem flachen Wasser nach dem glänzenden Metall. Nicht umsonst wurde die Elbe einst "Albis", die Glänzende, genannt. 
Und noch heute lohnt es sich, sich die Steine am Elbufer etwas genauer zu betrachten, denn mit etwas Glück findet man darunter Achate oder sogar Amethyste.

Euer Thomas



Bildquellen:
https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=581138
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Tiefstand1904.jpg#/media/File:Tiefstand1904.jpg

Montag, 16. Juli 2018

KW 29: Blumiges und Schauriges vom Bollerwagen

Bei der 10. Dresdner Schlössernacht ist erstmals Literatur zu erleben: Poetry-Slam und historische Dresdner Schauergeschichten

Bei der 10. Dresdner Schlössernacht kann man erstmals auch einen kurzweiligen Ausflug in die Literatur erleben. Drei Poetry-Slammer sind mit dem Bollerwagen unterwegs und servieren blumige Prosa auf den Wegen. Parallel unterhält ein mittelalterliches Trio die Passanten und präsentiert schaurige Geschichten aus dem historischen Dresden. Die literarischen Programmpunkte auf der Schlössernacht werden durch Schloss Albrechtsberg unterstützt. Das Schloss möchte damit auch Appetit machen auf die Veranstaltung "Dresden (er)lesen" am 9. September.

Am 21. Juli kann man die Poetry-Slammer vor allem rund um das Lingnerschloss erleben. Kaddi Cutz – amtierende Stadtmeisterin im Poetry Slam –, David Klein und Felix Kaden lauern am Wegesrand und überschütten das geneigte Publikum mit einem üppigen Bouquet aus Poesie, Charme und Wortwitz. Vielleicht wird es keine roten Rosen regnen, ein paar Stilblüten hat das poetische Trio Infernale aber immer im Gepäck. Und weil sie am Ende doch das große Publikum lieben, machen die drei um 19.45 Uhr und 21.45 Uhr halt auf der Bühne Lingnerschloss-Südseite.

Den schaurigen Geschichten aus dem historischen Dresden kann man um 19.45 Uhr und 21.15 Uhr auf der Bühne im Gourmetgarten lauschen. Vorab, zwischendurch und hinterher sind Ritter Jonas Daniel (Mario Sempf), Hexe Heidine Wiedemann (Katharina Salomo) und der Dresdner Scharfrichter Melchior Wahl (Thomas Zahn) mit dem "Schinderkarren" unterwegs und laden die Gäste auf eine schaurig-schöne "Zeitreise" ins mittelalterliche Dresden ein und lassen staunen und erschauern zugleich.
Die Dresdner Schlössernacht findet am 21. Juli bereits zum 10. Mal statt und verwandelt die Parkanlagen von Schloss Albrechtsberg, Lingnerschloss, Schloss Eckberg und der Saloppe in eine Kulturlandschaft mit 16 Bühnen und Spielstätten.

Pressetext: Sabine Mutschke
Logo: Dresdner Schlössernacht
Schinderkarren: gebaut von Thomas Zahn
Foto Schinderkarren: Katharina Salomo