Donnerstag, 2. August 2018

KW 31: Ebbe an der Elbe

Es ist so weit – das Flussbett der Prießnitz ist trocken, und auch die Schifffahrt auf der Elbe ist wegen des extremen Niedrigwassers eingestellt worden. Die "Weiße Flotte", die älteste und größte Raddampfer-Flotte der Welt (1836 gegründet) und ein Wahrzeichen Dresdens, muss am Ufer bleiben. Was für ein touristischer und wirtschaftlicher Schaden für die Stadt, wenn sich die Schaufelräder nicht im Wasser drehen!

Wasser benötigte man schon immer für eine Bewirtschaftung des Flusses. Früher gab es rund um Dresden Gemeinden, die ganz wesentlich von der Elbe lebten, unter anderem der heutige Stadtteil Loschwitz. Hier waren es die sogenannten Treidler oder Bomätscher, welche seit dem Mittelalter Schiffe mit Seilen und Muskelkraft die Elbe entlang brachten – in der Regel stromaufwärts. Der Pfad, den die Schiffszieher dabei nutzten, wurde Treidelpfad oder Bomätscherpfad genannt. Diesen kann man auch heute noch am Ufer der Elbe gut erkennen. Große Stahlringe zeugen zudem von dieser harten und gefährlichen Arbeit, denn wenn man nicht achtgab, konnte man leicht in die Fluten gerissen werden und dort ertrinken. 

Sandsteinrelief "Treidler" (Edmund Moeller) an der Albertbrücke, Foto: privat


Das Aufkommen der Dampfkraft im 19. Jahrhundert veränderte die Situation an den Flüssen jedoch schnell. Bei der Binnenschifffahrt begann man mit der Ketten- und Seilschifffahrt, hier zog sich der Schlepper an einer Kette oder einem Seil vorwärts, hinter sich bis zu zehn Lastkähne. Später zogen Radschleppdampfer die Kähne. So wurde der Berufsstand der Treidler immer mehr zurückgedrängt und innerhalb nur weniger Jahre völlig bedeutungslos. So mancher Bomätscher soll daher aus Frust Steine auf die neuen Schiffe geworfen haben, die ihn um seine Existenz brachten. 

Kettendampfer auf der Elbe bei Dresden, Paul Hendel 1882

Doch auch ein Treideln wäre unter den heutigen Bedingungen nicht möglich gewesen. Hoffen wir daher, dass es bald wieder ausgiebig regnet. Das wäre nicht nur für die Schifffahrt gut, sondern würde zudem die Situation der Dresdner Wasserwerke entspannen, die auch in diesen Dürrezeiten für ausreichend kühles Nass sorgen.

Mehr über die Wasserversorgung in Dresden seit dem Mittelalter erfahrt ihr in der nächsten Woche.

Bleibt gespannt,

euer Thomas

Mittwoch, 25. Juli 2018

KW 30: "Wenn du mich siehst, dann weine"

Dresden stöhnt unter der derzeitigen Trockenheit und der Elbepegel fällt und fällt. Wer heute am Elbufer spazieren geht, den erwartet ein eher trostloser Anblick. Der stolze Strom, wo ist er? Und wo sich sonst am Wochenende zahlreiche Familien mit Kindern an der Prießnitz-Mündung zum Baden treffen, kann man derzeit froh sein, wenn wenigstens noch die Füße nass werden.
Aber es ist nicht das erste Mal, dass die Elbe einen solch niedrigen Stand erreicht hat. Bei uns habt ihr ja schon einmal über die sogenannten "Hungersteine" gelesen, die man auch jetzt wieder sehen kann.

Hungersteine sind bei Niedrigwasser im Flussbett sichtbar werdende große Steine. Sie weisen auf die großen Gefahren von Hungersnöten hin, die mit diesen Dürrezeiten in Verbindung stehen. Hungersteine sind daher oft mit Jahreszahlen oder Inschriften versehen, um an solche Niedrigwässer zu erinnern. Der Hungerstein im tschechischen Děčín ist dabei einer der ältesten an der Elbe. Die älteste lesbare Inschrift auf dem Stein stammt von 1616. Ältere Inschriften (1417, 1473) sind im Laufe der Zeit verschwunden.


Aber nicht immer stellten die niedrigen Wasserstände der Elbe für alle Menschen vordergründig ein Problem dar. Im Jahr 1904 zum Beispiel führte der Fluss so wenig kühlendes Nass, dass es in Dresden zu einem regelrechten "Goldrausch" kam. Viele suchten in dem flachen Wasser nach dem glänzenden Metall. Nicht umsonst wurde die Elbe einst "Albis", die Glänzende, genannt. 
Und noch heute lohnt es sich, sich die Steine am Elbufer etwas genauer zu betrachten, denn mit etwas Glück findet man darunter Achate oder sogar Amethyste.

Euer Thomas



Bildquellen:
https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=581138
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Tiefstand1904.jpg#/media/File:Tiefstand1904.jpg

Montag, 16. Juli 2018

KW 29: Blumiges und Schauriges vom Bollerwagen

Bei der 10. Dresdner Schlössernacht ist erstmals Literatur zu erleben: Poetry-Slam und historische Dresdner Schauergeschichten

Bei der 10. Dresdner Schlössernacht kann man erstmals auch einen kurzweiligen Ausflug in die Literatur erleben. Drei Poetry-Slammer sind mit dem Bollerwagen unterwegs und servieren blumige Prosa auf den Wegen. Parallel unterhält ein mittelalterliches Trio die Passanten und präsentiert schaurige Geschichten aus dem historischen Dresden. Die literarischen Programmpunkte auf der Schlössernacht werden durch Schloss Albrechtsberg unterstützt. Das Schloss möchte damit auch Appetit machen auf die Veranstaltung "Dresden (er)lesen" am 9. September.

Am 21. Juli kann man die Poetry-Slammer vor allem rund um das Lingnerschloss erleben. Kaddi Cutz – amtierende Stadtmeisterin im Poetry Slam –, David Klein und Felix Kaden lauern am Wegesrand und überschütten das geneigte Publikum mit einem üppigen Bouquet aus Poesie, Charme und Wortwitz. Vielleicht wird es keine roten Rosen regnen, ein paar Stilblüten hat das poetische Trio Infernale aber immer im Gepäck. Und weil sie am Ende doch das große Publikum lieben, machen die drei um 19.45 Uhr und 21.45 Uhr halt auf der Bühne Lingnerschloss-Südseite.

Den schaurigen Geschichten aus dem historischen Dresden kann man um 19.45 Uhr und 21.15 Uhr auf der Bühne im Gourmetgarten lauschen. Vorab, zwischendurch und hinterher sind Ritter Jonas Daniel (Mario Sempf), Hexe Heidine Wiedemann (Katharina Salomo) und der Dresdner Scharfrichter Melchior Wahl (Thomas Zahn) mit dem "Schinderkarren" unterwegs und laden die Gäste auf eine schaurig-schöne "Zeitreise" ins mittelalterliche Dresden ein und lassen staunen und erschauern zugleich.
Die Dresdner Schlössernacht findet am 21. Juli bereits zum 10. Mal statt und verwandelt die Parkanlagen von Schloss Albrechtsberg, Lingnerschloss, Schloss Eckberg und der Saloppe in eine Kulturlandschaft mit 16 Bühnen und Spielstätten.

Pressetext: Sabine Mutschke
Logo: Dresdner Schlössernacht
Schinderkarren: gebaut von Thomas Zahn
Foto Schinderkarren: Katharina Salomo 

 

Donnerstag, 12. Juli 2018

KW 28: Rund um die Saloppe

Auf unser heutiges "Fundstück der Woche" bin ich durch die Vorbereitungen auf die diesjährige Dresdner Schlössernacht gestoßen. Am 21. Juli werden wir als "fahrendes Volk" mit kürzlich hier im Blog erwähntem Schinderkarren auf den Plätzen und Wegen rund um die drei Elbschlösser unterwegs sein und möchten natürlich auch Geschichten erzählen, die dort in der Nähe stattgefunden haben.
Ich selbst habe dabei so etwas wie Heimvorteil, denn genau hier habe ich meine Kindheit verbracht.

Saloppe, Bild von Johann Carl August Richter um 1850
Mein Vater arbeitete im Wasserwerk Saloppe und so zogen wir in eine Betriebswohnung in der Brockhausstraße. Damals wusste ich natürlich noch nichts von meiner geschichtsträchtigen neuen Umgebung. Erst später, als ich mich mit Mario dem Thema Stadtgeschichte zuwandte, habe ich es bereut, als Kind nicht noch genauer hingeschaut zu haben.
Eingeengt zwischen der damaligen Bezirksverwaltung der Stasi und dem "Pionierpalast" lag die "Brocki", wie wir Kinder sie nannten, wie ein kleines Tal am Eisenbornbach. Zum Spielen und Entdecken war reichlich Platz im "Grund", und so stromerten wir öfter durch die Gegend. Dabei stießen wir auf die interessantesten Dinge. Unten, kurz vor dem Wasserfall, überspannte ein Brücke den Bach und es gab zudem ein merkwürdiges Gebäude mit Säulen und einer seltsamen steinernen Schlange. Auch fanden wir so etwas wie Grab- oder Gedenkplatten sowie etliche steinerne Statuen. Leider ist später alles verfallen, gestohlen oder zugeschüttet worden.

Älter geworden, fand ich wirklich Erstaunliches über diesen Ort heraus: Das Land gehörte im 18. Jahrhundert einem Mann namens James Ogilvy, 7. Earl of Findlater. Er war in schottischer Adliger, der aufgrund seiner homosexuellen Neigungen in Schottland verfolgt wurde und seine Heimat verlassen musste. Er kaufte sich in Dresden mehrere Weinbergsgrundstücke am Elbhang, auf denen er sich von dem Architekten und Hofbaumeister Johann August Giesel ein Palais errichten ließ. Auf den Grundmauern dieses Palais, dessen Fertigstellung Ogilvy leider nicht mehr erlebte, wurde später Schloss Albrechtsberg errichtet.
Nach Findlaters Tod übernahm sein Lebenspartner das Palais, beschloss aber, dieses und auch die Weinberge zu verkaufen. So erwarb der Hofrat Theodor Winkler (1735–1856) das Grundstück und baute sich hier ein Sommerhaus. 1847 kaufte Heinrich Brockhaus – sehr zum Unwillen der Ehefrau Theodor Winklers – diesen Besitz und bis 1993 behielten ihn auch Brockhaus’ Nachkommen.

Brockhaus erweiterte den Bereich des „Grundes“ und ließ einen romantischen Park anlegen. Es gab einen Gondelteich, zahlreiche Statuen, die den Eisenbornbach schmückten, Brunnen und Wasserspiele und auch einen Kutschweg. Ein Kleinod, das natürlich zahlreiche Gäste und prominente Besucher anzog, u. a. Richard Wagner, Christian Gottfried Körner, E.T.A. Hoffmann oder Friedrich Schiller.
Und auch ich durfte dort meine Kindheit verbringen. Ich kann mich eigentlich glücklich schätzen.

Wer mehr erfahren möchte, kann uns im Rahmen der 10. Dresdner Schlössernacht live erleben. Rund um die drei Elbschlösser flanieren wir auf den Wegen und werden euch mit unseren Geschichten unterhalten. Um 19.45 Uhr und 21.15 Uhr freuen wir uns zudem, euch im "Gourmetgarten" begrüßen zu dürfen.



Bis dahin und viele liebe Grüße von 
Thomas

Montag, 25. Juni 2018

KW 26: 6. August 1685 – die Stadt lodert

Beinahe einhundert Meter steigt die dicke Qualmwolke inzwischen in die Höhe. Alles scheint sie einhüllen zu wollen. Menschen jeden Alters rennen schreiend und wild gestikulierend durch die engen Gassen Altendresdens. Manche sind halb nackt, weil sie nicht einmal die Zeit gefunden haben, sich etwas anzuziehen. So schnell war das Unheil über sie hereingebrochen.
Überall werden dringend helfende Hände gebraucht. In den Gesichtern der Einwohner sitzt die nackte Angst. Es sind entstellte Grimassen, in die man blickt. Sie alle wissen, was sie zu verlieren haben. Und sie werden den Kampf nicht gewinnen können …

Quelle: Wikipedia, Bild ist gemeinfrei
Der Albtraum einer jeden Stadt war wie aus dem Nichts gekommen. Nur wenige Minuten hatte der ganze Spuk gedauert. Im Haus des bekannten Kunsttischlers auf der Meißner Gasse, ungefähr da, wo sich heute der Parkplatz neben dem Blockhaus an der Elbbrücke befindet, hatte das Feuer begonnen. Vielleicht durch eine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit. Erst ganz klein, begann es sich urplötzlich in rasendem Eifer in die am Boden liegenden Holzspäne hineinzufressen – mit einer Gier, die nicht zu bändigen war. Der arme Mann griff zwar noch eilig nach seinem Ledereimer, der pflichtgemäß im Zimmer bereitstand, aber das Löschwasser darin war einfach nicht genug, um der Fresslust des Feuers den Garaus zu machen. Im Handumdrehen war es auf den Dachstuhl des benachbarten Hauses übergesprungen. Und von da zum nächsten. Es ging so rasend schnell, dass die Bewohner Altendresdens wie gelähmt zuschauen mussten, ohne wirklich eingreifen zu können. Denn die Häuser bestanden noch immer weitestgehend aus Holz und erinnerten an die einfachen Behausungen des Mittelalters.
Mit Löschwassereimern versuchten die Menschen irgendwie das Schlimmste zu verhindern, aber das Wasser konnte aus den Schwengelbrunnen gar nicht so schnell heraufgezogen werden, wie es gebraucht wurde. Und manch ein unvorsichtiger Bewohner verbrannte elendig in seinem Hause beim Versuch, Hab und Gut doch noch zu retten. Auch die Kinder des Kunsttischlers erstickten jämmerlich. Überall mischte sich unter das Geräusch der Feuersbrunst ein Jammern, Winseln oder Brüllen, oft so schrecklich, dass es kaum wie aus menschlichen Kehlen klang.
Am Ende dieses schicksalhaften Tages hatte das verheerendste Feuer, das Altendresden je heimsuchte, 336 Häuser verschlungen. Lediglich der "Jägerhof" und das Altendresdner Rathaus waren verschont geblieben.

Das Feuer vom 6. August 1685 war zwar nicht der erste Stadtbrand gewesen, es sollte jedoch diesmal die Stadt vollkommen umkrempeln. Denn sofort nachdem die letzten Brandherde erstickt waren, begann man – auf Anordnung Johann Georg III., des Vaters August des Starken – Pläne für eine neue Stadt zu schmieden: "die neue Stadt bey Dresden". Heute kennen wir diesen Stadtteil unter dem Namen "Neustadt", dieser Tage ein beliebter Ort für Touristen und Dresdner gleichermaßen. Hier wird gebummelt, Eis gegessen, an Brunnen sitzend so mancher Alltagsstress vergessen. Die Neustadt ist ein Besuchermagnet und gehört sozusagen zum Pflichtprogramm eines jeden Dresden-Besuchers. Schon allein, da hier das Reiterstandbild August des Starken zu bewundern ist. Dieser war es auch, der – Bezug nehmend auf die Feuerkatastrophe von 1685 – verfügte, dass die Dächer zukünftig aus Ziegeln zu bestehen hätten und kein Haus höher als das Japanische Palais sein dürfe.
Die Feuerverordnungen wurden auch noch einmal verschärft. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass das pflichtmäßige Bereitstellen lederner Feuereimer an jedem Haus nicht immer reichte. Auch die Türmer und Nachtwächter, die den Ausbruch eines Brandes lautstark anzuzeigen hatten, waren auf das Desaster von 1685 nicht annähernd vorbereitet gewesen. Vielleicht begann unter all diesen Eindrücken und Erkenntnissen die Idee für eine erste organisierte Feuerlöschgruppe zu keimen, aus der später eine strukturierte und funktionierende Feuerwehr entstehen sollte.

Foto: Mario Sempf
Einer dieser ledernen Feuereimer steht übrigens noch heute im Heimatmuseum Dohna. Dort habe ich ihn gesehen und in die Hand nehmen können. Zuständig für seine Herstellung war der Abdecker, der in Dresden dem Scharfrichter unterstand. Oft wird solch ein Eimer Schlimmeres verhindert haben, doch die häufigen Stadtbrände, auch in Dresden, zwangen zu drastischeren Maßnahmen. Feuergefährliche Berufe mussten quasi vor die Tore der Stadt umziehen. Ein Beispiel dafür sind die Ziegelbrennereien, an welche noch heute ein Straßenname in der Nähe des Eliasfriedhofes erinnert.

Es grüßt euch "heiß"

euer Mario


Montag, 18. Juni 2018

KW 25: Schinden vs. Schinden

Unser heutiges "Fundstück" ist selbst gebaut, wobei wir die wichtigste Grundlage dafür doch "gefunden" haben – einen kleinen Leiterwagen.

Foto: Thomas Zahn
Aber der Reihe nach … 

Wir haben eine Einladung zur "Dresdner Schlössernacht" am 21. Juli 2018 erhalten, um unsere "düsteren" Geschichten dem heiteren Volke dort zum Besten zu geben. Das Besondere dabei ist: Wir sind nicht auf einer Bühne oder an einem Stand zu finden, sondern wir mischen uns richtiggehend unters Publikum, was für einen Scharfrichter doch eher selten ist.
Falls die Kehlen unserer Zuhörer (oder die unseren) von den schaurigen Anekdoten trocken werden sollten, halten wir zur Verköstigung einen sehr leckeren Rhabarber-Honig-Wein der "Braumanufaktur Radebeul" bereit. Und daher ahnten wir schon jetzt, dass wir transportmäßig ein Problem bekommen könnten. Es geht ja nicht nur um den Wein, sondern auch um unsere Anschauungs- und Probiergeräte wie die Halsgeige, die Handschellen oder die Daumenschrauben. Ein Karren wäre gut, dachten wir. Und nun "schinde" ich mich eben, einen solchen zu bauen – einen Schinderkarren.

T. Rowlandson: "A Dead Horse on a Knacker's Cart" (gemeinfrei, Wikipedia)













Das Wort "schinden" ist noch heute oft im Sprachgebrauch zu finden und heißt eigentlich nichts anderes als "enthäuten" (althochdeutsch "scinten", mittelhochdeutsch "schinden" = "enthäuten", im Mittelhochdeutschen auch schon "quälen"). Der "Schinder" war der Abdecker (auch genannt Fallmeister, Feldmeister, Freiknecht, Kafiller oder Wasenmeister) und seine Aufgabe war das Beseitigen und Verwerten des toten Viehs. Um dieses einzusammeln, brauchte er einen Wagen, da seine Arbeitsstätte ja außerhalb der Stadt lag – eben einen "Schinderkarren".
Durch den Bezug zu dieser ehrlosen Tätigkeit wurde der Schinderkarren ebenfalls dazu benutzt, um Verurteilte zum Hinrichtungsplatz zu schaffen. Mit großem Schauwert und der entsprechenden öffentlichen Zurschaustellung wurde der Schinderkarren ein schauriger Teil solcher Prozessionen, indem beispielsweise – wie in Dresden ebenfalls geschehen – der auf dem Wagen befindliche Delinquent nicht nur einfach saß, stand oder lag, sondern sogar manchmal zur Strafverschärfung auf dem Weg zum Schafott "mit Zangen gezwickt" wurde (mit glühenden Zangen wurden ihm Fleischstücke herausgerissen).


Foto: Thomas Zahn
Aber keine Angst – so weit wollen wir es während der "Dresdner Schlössernacht" natürlich nicht treiben. Unser Schinderkarren dient eher der Präsentation unserer Bücher – und, wie schon beschrieben, zum Wein-Ausschank.
Seid also gespannt! Wir freuen uns, euch am 21. Juli zu sehen.

Euer Thomas
(der "Scharfrichter von Dresden")

Montag, 11. Juni 2018

Fundstück Nummer 24: Zum Kugeln

Ihr mögt unerwartete Überraschungen?
Das trifft sich gut, denn mir geht es genauso. Aber unerwartet bedeutet eben auch, dass man an den unmöglichsten Orten und zu Unzeiten "überfallen" wird. Planen lässt sich da gar nichts. Und so entwickelte sich unsere letzte Kletterpartie im erzgebirgischen Gneis beim Abziehen der Seile zu einer interessanten Entdeckungstour.

Das "Königshaupt" bei Lauenstein
Der Ort des Geschehens: Wie ein einzelner Zahn eines monströsen Steinbeißers ragt ein knapp 20 Meter hoher schwarzer Felsen aus dem Hang, gleich hinter dem Stausee bei Lauenstein im Müglitztal.
Dieser Ort mag auf den ersten Blick wegen der inzwischen von Büschen überwucherten Waldwege verlassen wirken, aber das täuscht. Noch vor wenigen Jahrhunderten wurde genau hier an der Löwenbrücke deutlich mehr gefunden als nur grauer Gneis und ein verlassener Felsen namens Königshaupt. Das Bachbett der Müglitz gab an dieser Stelle an mehreren, im Sprachgebrauch der Geologen als Seifen bekannten Ablagerungen im Gewässerverlauf immer wieder auch Goldflitter, also "Seifengold", preis. Der einstige Abbauort für Silber liegt ebenfalls ganz in der Nähe: Kratzhammer. Hier nahm die Sage vom "Goldenen Lamm" ihren Anfang, eine abgefahrene Geschichte vom Reichtum im Müglitztal, die im Grünen Gewölbe von Dresden endet, vertraut man den Texten im Sächsischen Sagenbuch. 

Beim Klettern gibt's was zu entdecken
Aber unsere nette Dreier-Seilschaft hatte das luftige Königshaupt ausschließlich zum Klettern und Abseilen auserkoren – und ganz ehrlich: Von dem kleinen Gipfelplateau aus hat man einfach den besten Blick in diesen verlassenen Teil des Müglitztals. Vorausgesetzt, man hat sich ordnungsgemäß gesichert.

Schon beim Einrichten der ersten Route war mir der kugelrunde Fleck im Felsen aufgefallen. Bei näherer Begutachtung entpuppte sich dieser als kleines eisernes Geschoss, verrostet und mit Noppen übersäht. Vermutlich wurde er einst aus einer handlichen "Feldschlange" abgegeben.
Wir reden hier vom eiligen Rückzug der napoleonischen Truppen durch die schützenden Miriquidi-Wälder. So mancher Querschläger war wahrscheinlich an den versteckten Felsen abgeprallt, hinter denen sich die Soldaten beider Seiten verschanzt hatten. Wer genau diesen eisernen Todesbringer später in den Gneisfelsen einzementiert hat, ist uns nicht ganz klar geworden. Der Zement wirkte recht hell und fein – vielleicht ein Hinweis darauf, dass er noch nicht sehr alt sein kann. 

Das ominöse Geschoss im Gneis
Welche Geschichten von Blut und Leid könnte der Wald an dieser Stelle noch erzählen, ließen sich die dichten Grasmatten anheben wie ein Abstreicher und sich ein flüchtiger Blick darunter werfen? Eines ist uns klar geworden bei unserer entspannten Kletterpartie: Nichts ist so, wie es scheint – und schon gar nicht in diesen Wäldern.
Und deshalb rollt der Ball auch gleich zur benachbarten Burg Lauenstein. Denn auch hier spielen kugelförmige Objekte eine tragende Rolle. Vor allem die drei größeren Steinkugeln im Mauerwerk über dem Eingang der einstigen Burg finden immer wieder in Chroniken Erwähnung. Und manch ein aufmerksamer Besucher hat sich sicher schon gefragt, ob die gewaltigen Kugeln tatsächlich aus Versehen dort eingeschlagen und "festgewachsen" sind.
Grund genug, mit Frau Gelbrich, der Schlossverwalterin, Kontakt aufzunehmen und sie für die erste ernsthafte Untersuchung dieser mysteriösen Hinterlassenschaften zu begeistern. Denn wenn wir ein wenig in den vergilbten Geschichtsseiten der Burg und den später unter den Bünaus hinzugekommenen Umbauten als Renaissanceschloss herumblättern, scheinen diese Steinkugeln wohl in die Zeit der Dohnaischen Fehde von 1402 zu datieren. Oder sie stammen aus jener unheilvollen Zeit, als marodierende Hussitenbanden im Jahre 1429 durch die dunklen Wälder strichen und Angst und Schrecken unter den Landbewohnern verbreiteten. Wäre es also nicht endlich mal an der Zeit, genau jene Steinschleuderkugeln, die wahrscheinlich als Zeugen dieser schlimmen Tage absichtlich im Mauerwerk hinterlassen wurden, zu untersuchen?
So viel zur Theorie. 

Schloss Lauenstin und die mysteriösen Kugeln
Die Praxis scheint sich hingegen deutlich abenteuerlicher und schweißtreibender zu gestalten. Keine Leiter in Lauenstein scheint auch nur annähernd die benötigte Länge und Stabilität mitzubringen, die für einen sicheren Aufstieg zu dem steinernen Dreigestirn nötig wären. Mit Skalpell und Pinsel soll ich Proben von Zement und Kugel entnehmen, so der Plan. Wenn schon, dann richtig. Und damit sind wir plötzlich wieder beim Klettern – denn als einzige Möglichkeit, den Kugeln in der Wand wirklich nahe zu kommen, entpuppt sich die Variante "Abseilen". Und zwar über das Dach des Schlosses.

Ich hatte eingangs von unerwarteten Überraschungen und Abenteuern erzählt und auch von so mancher Kletterpartie – hier schließt sich also der Kreis. Eine Fortsetzung dürft ihr also unbedingt erwarten. Vorerst suchen wir stabile Abseilpunkte, denn böse Überraschungen sind auf unserer Liste der Abenteuer in Lauenstein nicht vorgesehen.

Hals und Beinbruch bei euren eigenen aufregenden Abenteuern wünscht euch

euer Mario