Montag, 19. Februar 2018

Fundstück Nummer 8: Der Fall der Martha Lange

Zu Recherchezwecken bin ich kürzlich ins Dresdner Stadtarchiv gefahren. Natürlich besuchte ich dabei auch die derzeit öffentlich zugängliche Ausstellung "Geschichte(n) aus dem Stadtarchiv", die bis zum 30. März zu sehen ist.
Zu entdecken sind dort beispielsweise die Dokumente der ersten Feuerbestattung in einem eigens dafür angefertigten Ofen in Dresden (1874).
Der Mediziner Friedrich Küchenmeister gründete 1873 in unserer Stadt den Verein Die Urne – Verein für facultative Leichenverbrennung. Gemeinsam mit dem Leipziger Polizeiarzt Carl Reclam gewann er den Ingenieur Friedrich Siemens dafür, in seiner Glasfabrik auf der Freiberger Straße einen Ofen für die Leichenverbrennungen zu entwickeln. So fand am 9. Oktober 1874 in Dresden in dem von Siemens gebauten Regenerationsofen die weltweit erste Einäscherung in "geschlossenem Feuer" statt.

Aber das, was mich am meisten interessierte, war das Kriminalregister der Stadt Dresden. Es wurde 2016 transkribiert und als Buch herausgegeben. Zugegeben, es ist teilweise schwer zu lesen, weil die Formulierungen etwas umständlich sind. Aber in der Ausstellung wird unter anderem über einen Hexenprozess gegen eine gewisse Martha Lange (auch "Marthenn Langen", "Mattes Langen" bzw. "des bothens eheweib") berichtet, was mich neugierig machte. Und ich fand tatsächlich folgendes Urteil dazu: Eine entsprechende Untersuchungen bzw. ihre peinliche Befragung (im Dokument heißt das "gutliche frage" und "klein scharffe frage") fand von Juni bis August 1556 statt. In der Folge bekannte sich Martha Lange der Unzucht und Kuppelei für schuldig. Doch in diesen Fall soll auch Kurfürst Moritz (1521–1553) involviert gewesen sein, steht doch in der Akte zu lesen, dass die arme Frau in dessen Bett zur Besinnung kam, nachdem man sie betrunken gemacht hatte:
"Wie der Seidensticker und Klotzschen Tilge sie mit hosen und wammes angethan, item truncken gemacht und meinem gnedigsten herrn, dem herzogk Moritzen, churfurst, seligen zugefurth und als sie bey seiner churfurstlichen gnaden im bett gelegen und ein wenigk zu ihrer vornunfft kohmen, hab sie gedacht: ,Ach, wie kombstu hierauff? Wan du wider darunden wherest!ʻ In dehme het mein gnediger herr gesagt: ,Wende dich herumb und kere dich zu mihr!ʻ"


Moritz von Sachsen, https://commons.wikimedia.org
/w/index.php?curid=289322
Wurde Martha Lange tatsächlich vom Kurfürsten missbraucht und dann der Unzucht angeklagt?
Letztendlich wurde die arme Frau (ursprünglich zum Tod durch den Strang verurteilt) am 17. August 1556 mit dem Schwert gerichtet. Denn in jener Zeit war sie tatsächlich in oben genannten Punkten schuldig. Aber da Moritz schon gestorben war (1553 in der Schlacht von Sievershausen erschossen), wurde das Urteil folgendermaßen "abgemildert":
"Und nachdeme sie mit dem strange het sollen gestrafft werden, ist ihr durch die regirunge zu hoff zum schwert gelassen."

Warum? Etwa, um die ganze Sache zu verbergen?
Antworten darauf bekommt man heute leider nicht mehr …

Antworten auf eure Neugier nach ungewöhnlichen Geschichten, die zum Forschen und Nachdenken anregen, findet ihr jedoch noch bis 30. März im Dresdner Stadtarchiv.

Euer Thomas