Montag, 25. Juni 2018

KW 26: 6. August 1685 – die Stadt lodert

Beinahe einhundert Meter steigt die dicke Qualmwolke inzwischen in die Höhe. Alles scheint sie einhüllen zu wollen. Menschen jeden Alters rennen schreiend und wild gestikulierend durch die engen Gassen Altendresdens. Manche sind halb nackt, weil sie nicht einmal die Zeit gefunden haben, sich etwas anzuziehen. So schnell war das Unheil über sie hereingebrochen.
Überall werden dringend helfende Hände gebraucht. In den Gesichtern der Einwohner sitzt die nackte Angst. Es sind entstellte Grimassen, in die man blickt. Sie alle wissen, was sie zu verlieren haben. Und sie werden den Kampf nicht gewinnen können …

Quelle: Wikipedia, Bild ist gemeinfrei
Der Albtraum einer jeden Stadt war wie aus dem Nichts gekommen. Nur wenige Minuten hatte der ganze Spuk gedauert. Im Haus des bekannten Kunsttischlers auf der Meißner Gasse, ungefähr da, wo sich heute der Parkplatz neben dem Blockhaus an der Elbbrücke befindet, hatte das Feuer begonnen. Vielleicht durch eine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit. Erst ganz klein, begann es sich urplötzlich in rasendem Eifer in die am Boden liegenden Holzspäne hineinzufressen – mit einer Gier, die nicht zu bändigen war. Der arme Mann griff zwar noch eilig nach seinem Ledereimer, der pflichtgemäß im Zimmer bereitstand, aber das Löschwasser darin war einfach nicht genug, um der Fresslust des Feuers den Garaus zu machen. Im Handumdrehen war es auf den Dachstuhl des benachbarten Hauses übergesprungen. Und von da zum nächsten. Es ging so rasend schnell, dass die Bewohner Altendresdens wie gelähmt zuschauen mussten, ohne wirklich eingreifen zu können. Denn die Häuser bestanden noch immer weitestgehend aus Holz und erinnerten an die einfachen Behausungen des Mittelalters.
Mit Löschwassereimern versuchten die Menschen irgendwie das Schlimmste zu verhindern, aber das Wasser konnte aus den Schwengelbrunnen gar nicht so schnell heraufgezogen werden, wie es gebraucht wurde. Und manch ein unvorsichtiger Bewohner verbrannte elendig in seinem Hause beim Versuch, Hab und Gut doch noch zu retten. Auch die Kinder des Kunsttischlers erstickten jämmerlich. Überall mischte sich unter das Geräusch der Feuersbrunst ein Jammern, Winseln oder Brüllen, oft so schrecklich, dass es kaum wie aus menschlichen Kehlen klang.
Am Ende dieses schicksalhaften Tages hatte das verheerendste Feuer, das Altendresden je heimsuchte, 336 Häuser verschlungen. Lediglich der "Jägerhof" und das Altendresdner Rathaus waren verschont geblieben.

Das Feuer vom 6. August 1685 war zwar nicht der erste Stadtbrand gewesen, es sollte jedoch diesmal die Stadt vollkommen umkrempeln. Denn sofort nachdem die letzten Brandherde erstickt waren, begann man – auf Anordnung Johann Georg III., des Vaters August des Starken – Pläne für eine neue Stadt zu schmieden: "die neue Stadt bey Dresden". Heute kennen wir diesen Stadtteil unter dem Namen "Neustadt", dieser Tage ein beliebter Ort für Touristen und Dresdner gleichermaßen. Hier wird gebummelt, Eis gegessen, an Brunnen sitzend so mancher Alltagsstress vergessen. Die Neustadt ist ein Besuchermagnet und gehört sozusagen zum Pflichtprogramm eines jeden Dresden-Besuchers. Schon allein, da hier das Reiterstandbild August des Starken zu bewundern ist. Dieser war es auch, der – Bezug nehmend auf die Feuerkatastrophe von 1685 – verfügte, dass die Dächer zukünftig aus Ziegeln zu bestehen hätten und kein Haus höher als das Japanische Palais sein dürfe.
Die Feuerverordnungen wurden auch noch einmal verschärft. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass das pflichtmäßige Bereitstellen lederner Feuereimer an jedem Haus nicht immer reichte. Auch die Türmer und Nachtwächter, die den Ausbruch eines Brandes lautstark anzuzeigen hatten, waren auf das Desaster von 1685 nicht annähernd vorbereitet gewesen. Vielleicht begann unter all diesen Eindrücken und Erkenntnissen die Idee für eine erste organisierte Feuerlöschgruppe zu keimen, aus der später eine strukturierte und funktionierende Feuerwehr entstehen sollte.

Foto: Mario Sempf
Einer dieser ledernen Feuereimer steht übrigens noch heute im Heimatmuseum Dohna. Dort habe ich ihn gesehen und in die Hand nehmen können. Zuständig für seine Herstellung war der Abdecker, der in Dresden dem Scharfrichter unterstand. Oft wird solch ein Eimer Schlimmeres verhindert haben, doch die häufigen Stadtbrände, auch in Dresden, zwangen zu drastischeren Maßnahmen. Feuergefährliche Berufe mussten quasi vor die Tore der Stadt umziehen. Ein Beispiel dafür sind die Ziegelbrennereien, an welche noch heute ein Straßenname in der Nähe des Eliasfriedhofes erinnert.

Es grüßt euch "heiß"

euer Mario


Montag, 18. Juni 2018

KW 25: Schinden vs. Schinden

Unser heutiges "Fundstück" ist selbst gebaut, wobei wir die wichtigste Grundlage dafür doch "gefunden" haben – einen kleinen Leiterwagen.

Foto: Thomas Zahn
Aber der Reihe nach … 

Wir haben eine Einladung zur "Dresdner Schlössernacht" am 21. Juli 2018 erhalten, um unsere "düsteren" Geschichten dem heiteren Volke dort zum Besten zu geben. Das Besondere dabei ist: Wir sind nicht auf einer Bühne oder an einem Stand zu finden, sondern wir mischen uns richtiggehend unters Publikum, was für einen Scharfrichter doch eher selten ist.
Falls die Kehlen unserer Zuhörer (oder die unseren) von den schaurigen Anekdoten trocken werden sollten, halten wir zur Verköstigung einen sehr leckeren Rhabarber-Honig-Wein der "Braumanufaktur Radebeul" bereit. Und daher ahnten wir schon jetzt, dass wir transportmäßig ein Problem bekommen könnten. Es geht ja nicht nur um den Wein, sondern auch um unsere Anschauungs- und Probiergeräte wie die Halsgeige, die Handschellen oder die Daumenschrauben. Ein Karren wäre gut, dachten wir. Und nun "schinde" ich mich eben, einen solchen zu bauen – einen Schinderkarren.

T. Rowlandson: "A Dead Horse on a Knacker's Cart" (gemeinfrei, Wikipedia)













Das Wort "schinden" ist noch heute oft im Sprachgebrauch zu finden und heißt eigentlich nichts anderes als "enthäuten" (althochdeutsch "scinten", mittelhochdeutsch "schinden" = "enthäuten", im Mittelhochdeutschen auch schon "quälen"). Der "Schinder" war der Abdecker (auch genannt Fallmeister, Feldmeister, Freiknecht, Kafiller oder Wasenmeister) und seine Aufgabe war das Beseitigen und Verwerten des toten Viehs. Um dieses einzusammeln, brauchte er einen Wagen, da seine Arbeitsstätte ja außerhalb der Stadt lag – eben einen "Schinderkarren".
Durch den Bezug zu dieser ehrlosen Tätigkeit wurde der Schinderkarren ebenfalls dazu benutzt, um Verurteilte zum Hinrichtungsplatz zu schaffen. Mit großem Schauwert und der entsprechenden öffentlichen Zurschaustellung wurde der Schinderkarren ein schauriger Teil solcher Prozessionen, indem beispielsweise – wie in Dresden ebenfalls geschehen – der auf dem Wagen befindliche Delinquent nicht nur einfach saß, stand oder lag, sondern sogar manchmal zur Strafverschärfung auf dem Weg zum Schafott "mit Zangen gezwickt" wurde (mit glühenden Zangen wurden ihm Fleischstücke herausgerissen).


Foto: Thomas Zahn
Aber keine Angst – so weit wollen wir es während der "Dresdner Schlössernacht" natürlich nicht treiben. Unser Schinderkarren dient eher der Präsentation unserer Bücher – und, wie schon beschrieben, zum Wein-Ausschank.
Seid also gespannt! Wir freuen uns, euch am 21. Juli zu sehen.

Euer Thomas
(der "Scharfrichter von Dresden")

Montag, 11. Juni 2018

Fundstück Nummer 24: Zum Kugeln

Ihr mögt unerwartete Überraschungen?
Das trifft sich gut, denn mir geht es genauso. Aber unerwartet bedeutet eben auch, dass man an den unmöglichsten Orten und zu Unzeiten "überfallen" wird. Planen lässt sich da gar nichts. Und so entwickelte sich unsere letzte Kletterpartie im erzgebirgischen Gneis beim Abziehen der Seile zu einer interessanten Entdeckungstour.

Das "Königshaupt" bei Lauenstein
Der Ort des Geschehens: Wie ein einzelner Zahn eines monströsen Steinbeißers ragt ein knapp 20 Meter hoher schwarzer Felsen aus dem Hang, gleich hinter dem Stausee bei Lauenstein im Müglitztal.
Dieser Ort mag auf den ersten Blick wegen der inzwischen von Büschen überwucherten Waldwege verlassen wirken, aber das täuscht. Noch vor wenigen Jahrhunderten wurde genau hier an der Löwenbrücke deutlich mehr gefunden als nur grauer Gneis und ein verlassener Felsen namens Königshaupt. Das Bachbett der Müglitz gab an dieser Stelle an mehreren, im Sprachgebrauch der Geologen als Seifen bekannten Ablagerungen im Gewässerverlauf immer wieder auch Goldflitter, also "Seifengold", preis. Der einstige Abbauort für Silber liegt ebenfalls ganz in der Nähe: Kratzhammer. Hier nahm die Sage vom "Goldenen Lamm" ihren Anfang, eine abgefahrene Geschichte vom Reichtum im Müglitztal, die im Grünen Gewölbe von Dresden endet, vertraut man den Texten im Sächsischen Sagenbuch. 

Beim Klettern gibt's was zu entdecken
Aber unsere nette Dreier-Seilschaft hatte das luftige Königshaupt ausschließlich zum Klettern und Abseilen auserkoren – und ganz ehrlich: Von dem kleinen Gipfelplateau aus hat man einfach den besten Blick in diesen verlassenen Teil des Müglitztals. Vorausgesetzt, man hat sich ordnungsgemäß gesichert.

Schon beim Einrichten der ersten Route war mir der kugelrunde Fleck im Felsen aufgefallen. Bei näherer Begutachtung entpuppte sich dieser als kleines eisernes Geschoss, verrostet und mit Noppen übersäht. Vermutlich wurde er einst aus einer handlichen "Feldschlange" abgegeben.
Wir reden hier vom eiligen Rückzug der napoleonischen Truppen durch die schützenden Miriquidi-Wälder. So mancher Querschläger war wahrscheinlich an den versteckten Felsen abgeprallt, hinter denen sich die Soldaten beider Seiten verschanzt hatten. Wer genau diesen eisernen Todesbringer später in den Gneisfelsen einzementiert hat, ist uns nicht ganz klar geworden. Der Zement wirkte recht hell und fein – vielleicht ein Hinweis darauf, dass er noch nicht sehr alt sein kann. 

Das ominöse Geschoss im Gneis
Welche Geschichten von Blut und Leid könnte der Wald an dieser Stelle noch erzählen, ließen sich die dichten Grasmatten anheben wie ein Abstreicher und sich ein flüchtiger Blick darunter werfen? Eines ist uns klar geworden bei unserer entspannten Kletterpartie: Nichts ist so, wie es scheint – und schon gar nicht in diesen Wäldern.
Und deshalb rollt der Ball auch gleich zur benachbarten Burg Lauenstein. Denn auch hier spielen kugelförmige Objekte eine tragende Rolle. Vor allem die drei größeren Steinkugeln im Mauerwerk über dem Eingang der einstigen Burg finden immer wieder in Chroniken Erwähnung. Und manch ein aufmerksamer Besucher hat sich sicher schon gefragt, ob die gewaltigen Kugeln tatsächlich aus Versehen dort eingeschlagen und "festgewachsen" sind.
Grund genug, mit Frau Gelbrich, der Schlossverwalterin, Kontakt aufzunehmen und sie für die erste ernsthafte Untersuchung dieser mysteriösen Hinterlassenschaften zu begeistern. Denn wenn wir ein wenig in den vergilbten Geschichtsseiten der Burg und den später unter den Bünaus hinzugekommenen Umbauten als Renaissanceschloss herumblättern, scheinen diese Steinkugeln wohl in die Zeit der Dohnaischen Fehde von 1402 zu datieren. Oder sie stammen aus jener unheilvollen Zeit, als marodierende Hussitenbanden im Jahre 1429 durch die dunklen Wälder strichen und Angst und Schrecken unter den Landbewohnern verbreiteten. Wäre es also nicht endlich mal an der Zeit, genau jene Steinschleuderkugeln, die wahrscheinlich als Zeugen dieser schlimmen Tage absichtlich im Mauerwerk hinterlassen wurden, zu untersuchen?
So viel zur Theorie. 

Schloss Lauenstin und die mysteriösen Kugeln
Die Praxis scheint sich hingegen deutlich abenteuerlicher und schweißtreibender zu gestalten. Keine Leiter in Lauenstein scheint auch nur annähernd die benötigte Länge und Stabilität mitzubringen, die für einen sicheren Aufstieg zu dem steinernen Dreigestirn nötig wären. Mit Skalpell und Pinsel soll ich Proben von Zement und Kugel entnehmen, so der Plan. Wenn schon, dann richtig. Und damit sind wir plötzlich wieder beim Klettern – denn als einzige Möglichkeit, den Kugeln in der Wand wirklich nahe zu kommen, entpuppt sich die Variante "Abseilen". Und zwar über das Dach des Schlosses.

Ich hatte eingangs von unerwarteten Überraschungen und Abenteuern erzählt und auch von so mancher Kletterpartie – hier schließt sich also der Kreis. Eine Fortsetzung dürft ihr also unbedingt erwarten. Vorerst suchen wir stabile Abseilpunkte, denn böse Überraschungen sind auf unserer Liste der Abenteuer in Lauenstein nicht vorgesehen.

Hals und Beinbruch bei euren eigenen aufregenden Abenteuern wünscht euch

euer Mario

Mittwoch, 6. Juni 2018

KW 23: Ein Nashorn in Dresden

Es war wirklich da. Mehrfach bin ich darauf gestoßen – und zwar immer dann, wenn ich nicht damit gerechnet hätte. Zum Beispiel bei der Betrachtung des monumentalen Asisi-Bildes "Dresden im Barock" im Dresdner Gasometer, auf dem es ebenfalls zu sehen ist. Aber auch im Zuge der Afrika-Reise von 1731, die August der Starke veranlasst hatte, spielten besonders die exotischen Tiere eine Rolle. Grund genug, um im heutigen Blog-Beitrag über Clara zu berichten.

Bild 1: "Clara in Paris", Jean-Baptiste Oudry, 1749
Clara war eines der ersten Nashörner, die die Reise nach Europa überlebten. Der niederländische Kaufmann Jan Albert Sichterman nahm das Tier 1738 in seinem Haus in Bengalen auf, nachdem die Mutter des Kleinen von indischen Jägern getötet worden war. Clara, wie er das Panzernashorn taufte, wurde schnell handzahm, aber eben als Schoßtier bald zu groß, und so verkaufte er sie 1741 an den Schiffskapitän Douwe Mout van der Meer, der mit ihr den Weg in die Niederlande antrat.

So war Clara drei Jahre alt, als sie den Hafen von Rotterdam erreichte. Und die Menschen jubelten – noch nie hatte man solch ein "Wunder-Thier" gesehen!
Die Massen waren so begeistert, dass der Hochseekapitän den Entschluss fasste, mit Clara durch Europa zu ziehen, von Wien bis in die Schweiz, von Frankreich nach Italien. In allen großen Städten wurde Clara nun gegen ein entsprechendes Entgelt gezeigt. Man mag sich gar nicht vorstellen, welch eine Tortur dies für ein Nashorn sein muss.

Im April 1747 erreichte Clara auch Dresden und wurde vom 5. bis 19. April jenes Jahres im Gasthof "Zum Goldenen Hirsch" vor dem Pirnaischen Tor (heute Pirnaischer Platz) vorgeführt. Ein interessierter Besucher der Nashorn-Schau war auch ein gewisser Johann Joachim Kändler, einer der bedeutendsten Modelleure der Porzellanmanufaktur Meissen, und so entstand, u. a. auch unter dem Einfluss der Afrika-Expeditionen jener Zeit, der Entwurf einer Figur des bekannten Nashorns aus "Weißem Gold".

Bild 2: "Clara in Venedig", Pietro Longhi, 1751
Nach diesem kurzen Halt in der sächsischen Metropole tourte Clara noch viele weitere Jahre durch ganz Europa – als Kapitän Van der Meers "Goldesel". Bis sie 1750 ihr Horn verlor, was die Einnahmen schmälerte, da das Publikum ja ein Tier MIT Horn sehen wollte.

Clara starb schließlich am 14. April 1758 ohne je wieder in Freiheit zu gelangen. Ein wirklich trauriges Schicksal.


Euer Thomas





 Quellenangaben Bild 1 und 2: https://de.wikipedia.org/wiki/Clara_(Nashorn)

Samstag, 2. Juni 2018

KW 22: Schwitzen für die Wissenschaft

Selbstverständlich findet man Schätze am liebsten bei idealen Temperaturen – nicht zu warm und nicht zu kalt. Der Ort sollte auch nicht so düster daherkommen. Und wenn schon mit der Schaufel gegraben werden muss, weil die Kiste mit Silber eine Handbreit unter der Erdoberfläche liegt, dann bitte kein unnötiges Wurzelwerk oder gar Steine mittendrin. Das verdirbt den Spaß am Entdecken. Denn was gefunden werden will, hat nur eine bestimmte Reiz-Zeit. Sagen wir mal, eine Stunde oder so. Danach geht die Goldgräberstimmung gehörig in den Keller. Dann liegt die Schaufel als böser Feind im Dreck. Blödes Mistding aber auch! Das war so nicht abgemacht!

Foto: Mario Sempf
Nun, mit Archäologie hat das alles wahrscheinlich wenig zu tun. Manche Geschichte beginnt eher unspektakulär. Zum Beispiel mit einer E-Mail am Montag – so kurz nach Mitternacht. Die Absenderin: eine befreundete Archäologin. Ihr Anliegen: zusätzliche helfende Hände für eine Ausgrabung, bei der am darauffolgenden Donnerstag bereits definitiv die Jalousien fallen würden.
Wir haben 32 Grad Celsius. Geregnet hat es seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr. Der Ort des Geschehens: eine trockene Schneise, der Inbegriff von Ödnis, direkt neben der Autobahn. In dieser Schneise sollen ab Donnerstag riesige Rohre verlegt werden, nachdem die nimmersatte Fräsmaschine den Boden tief genug aufgerissen und damit etwaige Siedlungsspuren von bronzezeitlichen Vorfahren auf Nimmerwiedersehen weggefressen hat. Für Archäologen ist dieses Szenario die normalste Sache der Welt. Leider.
Gegraben wird, ohne sich vorher mit dem Wetter abgesprochen zu haben. Und deshalb schnappe ich mir am Dienstagmorgen mein Rad und strampele ein Stück aus dem Elbkessel heraus, bergauf, wie sich das für spektakuläre Schauplätze gehört. Denn wenn wir schon von Geschichte reden und uns immer wieder archäologische Experimente auf die Fahne schreiben, dann ist es doch wohl das Mindeste, dass wir uns auch immer wieder mal die Hände schmutzig machen. Und ganz ehrlich: Genau danach ist mir persönlich sehr häufig. Freiwillig. Für mich ist eine Entdeckung halbherzig, wenn ich nicht selber mit angepackt und gekeucht habe.

Foto: Mario Sempf
Ein Campingtisch, ein Sonnenschirm, natürlich ein Laptop, zwei Falthocker, dazu zwei Plasteeimer mit Werkzeugen zum Graben und Kratzen – und selbstverständlich Beutel in Hülle und Fülle zum Eintüten der sensationellen Funde. Das reicht für eine Ausgrabung dieser Art. Und schnell stellt sich der Schattenplatz unter dem Schirm als besonderer Luxus heraus, der nur noch durch vier Büchsen Eiskaffee getoppt werden kann, die ich immer noch kühl genug aus den Fahrradtaschen zaubere.
Wonach suchen die zwei Archäologen Anja und René eigentlich hier oben
Nach Siedlungsresten. Nach Spuren aus der Bronzezeit. Denn dass hier auf dem weitläufigen Acker vor 5000 Jahren Menschen siedelten, mit einer gigantischen Fernsicht bis in die Sächsische Schweiz, ist bereits durch Keramikscherben archäologisch belegt worden.
Die bisherigen Funde an „unserer“ Trasse entlang der Autobahn fördern jedoch auch ganz andere Dinge zu Tage. Jedes davon könnte sicher eine eigene Geschichte erzählen. Beispielsweise die deformierte Musketen-Kugel. Jörg, ein amtlich zugelassener Sondengänger, der für das Metall unter der Erde zuständig ist, weiß zu berichten, dass diese hier an einem Stein abgeprallt sein muss. Hätte sie einen menschlichen Körper durchdrungen, wäre sie tropfenförmig deformiert worden. Auch ein Kupferpfennig aus dem Jahre 1746 dürfte seinen Verlierer nicht unbedingt arm, die Archäologen jedoch um ein ganzes Stück reicher an Erkenntnissen gemacht haben. Führte an dieser Stelle etwa ein Handelsweg entlang? Und was haben die scharfen quadratischen Flintsteine zu bedeuten, die hin und wieder zwischen dem lehmigen Erdbrocken auftauchen? Handelt es sich dabei eventuell um jene Feuersteine, ohne die ein Steinschlossgewehr gar nicht das Schießpulver in der Pfanne hätte entzünden können? Wurde hier vor Jahrhunderten gekämpft und blieben die jungen Soldaten nach ihren qualvollen Verletzungen zum Sterben einfach irgendwo hier liegen? Und wo sind ihre Leichen jetzt?

Foto: Mario Sempf
Jörg, der sympathische Rentner mit dem strahlend weißen Hemd, ist mit einer unglaublichen Geduld ausgestattet. Er geht wie ein sich selbst steuernder Rasenmäher alle Stellen ab, die für die archäologische Grabung interessant sein könnten. Dort, wo sein Gerät „anschlägt“, legt er Buchstaben als Markierungen ab. Hier werden wir im Anschluss mit kleinen Kratzwerkzeugen an die Arbeit gehen. Und tatsächlich – Aufregung erfährt die ganze Sache, als die Sonde so heftig brummt, „als sei ein Anker im Uferschlamm der Elbe vergraben“. Uns allen läuft der Schweiß von der Stirn und sogar die Unterarme entlang. Der Eiskaffee ist schon längst aus den Hautporen gedrungen. Dennoch werden plötzlich neue Energien freigesetzt.
Nach halbstündigem Schaben in einem widerspenstigen Boden, der Erde zu Steinschollen ausgedörrt hat, taucht ein undefinierbares, rostiges Etwas auf. Nein, nach einer Dolchklinge sieht das nicht wirklich aus, auch nicht nach einer Rüstungslamelle – auch wenn ich es mir wünsche. Viel wahrscheinlicher ist der Fund als ein Rest eines Werkzeuges zur Ackerbearbeitung zu deuten. Und vielleicht tauchen unter Schwarzlicht noch ein paar geheime Zeichen auf?
 Das ist es, was Archäologen das Herz höher schlagen lässt. Damit lassen sich Puzzlesteine zu einem Bild zusammensetzen – auch wenn dieses aus zigtausend Einzelteilen bestehen sollte. Aber was macht das schon? Es war ein fantastisches Abenteuer da oben auf dem Acker.

Foto: Mario Sempf
Ob ich danach ordentlich schmutzige Hände hatte?
Das ist das Mindeste. Eher hätte ich den Rückweg nicht angetreten. Und Druckstellen an den Knien, die gehören auch dazu. Ach, wie liebe ich die Bronzezeit!
Hatte ich schon verraten, dass ich zum Schluss noch einige kühl gebliebene Radler aus meiner Fahrradtasche gezogen habe? Die hätte ich fast vergessen, das wäre echt übel geworden …

Euer Mario