Montag, 11. Juni 2018

Fundstück Nummer 24: Zum Kugeln

Ihr mögt unerwartete Überraschungen?
Das trifft sich gut, denn mir geht es genauso. Aber unerwartet bedeutet eben auch, dass man an den unmöglichsten Orten und zu Unzeiten "überfallen" wird. Planen lässt sich da gar nichts. Und so entwickelte sich unsere letzte Kletterpartie im erzgebirgischen Gneis beim Abziehen der Seile zu einer interessanten Entdeckungstour.

Das "Königshaupt" bei Lauenstein
Der Ort des Geschehens: Wie ein einzelner Zahn eines monströsen Steinbeißers ragt ein knapp 20 Meter hoher schwarzer Felsen aus dem Hang, gleich hinter dem Stausee bei Lauenstein im Müglitztal.
Dieser Ort mag auf den ersten Blick wegen der inzwischen von Büschen überwucherten Waldwege verlassen wirken, aber das täuscht. Noch vor wenigen Jahrhunderten wurde genau hier an der Löwenbrücke deutlich mehr gefunden als nur grauer Gneis und ein verlassener Felsen namens Königshaupt. Das Bachbett der Müglitz gab an dieser Stelle an mehreren, im Sprachgebrauch der Geologen als Seifen bekannten Ablagerungen im Gewässerverlauf immer wieder auch Goldflitter, also "Seifengold", preis. Der einstige Abbauort für Silber liegt ebenfalls ganz in der Nähe: Kratzhammer. Hier nahm die Sage vom "Goldenen Lamm" ihren Anfang, eine abgefahrene Geschichte vom Reichtum im Müglitztal, die im Grünen Gewölbe von Dresden endet, vertraut man den Texten im Sächsischen Sagenbuch. 

Beim Klettern gibt's was zu entdecken
Aber unsere nette Dreier-Seilschaft hatte das luftige Königshaupt ausschließlich zum Klettern und Abseilen auserkoren – und ganz ehrlich: Von dem kleinen Gipfelplateau aus hat man einfach den besten Blick in diesen verlassenen Teil des Müglitztals. Vorausgesetzt, man hat sich ordnungsgemäß gesichert.

Schon beim Einrichten der ersten Route war mir der kugelrunde Fleck im Felsen aufgefallen. Bei näherer Begutachtung entpuppte sich dieser als kleines eisernes Geschoss, verrostet und mit Noppen übersäht. Vermutlich wurde er einst aus einer handlichen "Feldschlange" abgegeben.
Wir reden hier vom eiligen Rückzug der napoleonischen Truppen durch die schützenden Miriquidi-Wälder. So mancher Querschläger war wahrscheinlich an den versteckten Felsen abgeprallt, hinter denen sich die Soldaten beider Seiten verschanzt hatten. Wer genau diesen eisernen Todesbringer später in den Gneisfelsen einzementiert hat, ist uns nicht ganz klar geworden. Der Zement wirkte recht hell und fein – vielleicht ein Hinweis darauf, dass er noch nicht sehr alt sein kann. 

Das ominöse Geschoss im Gneis
Welche Geschichten von Blut und Leid könnte der Wald an dieser Stelle noch erzählen, ließen sich die dichten Grasmatten anheben wie ein Abstreicher und sich ein flüchtiger Blick darunter werfen? Eines ist uns klar geworden bei unserer entspannten Kletterpartie: Nichts ist so, wie es scheint – und schon gar nicht in diesen Wäldern.
Und deshalb rollt der Ball auch gleich zur benachbarten Burg Lauenstein. Denn auch hier spielen kugelförmige Objekte eine tragende Rolle. Vor allem die drei größeren Steinkugeln im Mauerwerk über dem Eingang der einstigen Burg finden immer wieder in Chroniken Erwähnung. Und manch ein aufmerksamer Besucher hat sich sicher schon gefragt, ob die gewaltigen Kugeln tatsächlich aus Versehen dort eingeschlagen und "festgewachsen" sind.
Grund genug, mit Frau Gelbrich, der Schlossverwalterin, Kontakt aufzunehmen und sie für die erste ernsthafte Untersuchung dieser mysteriösen Hinterlassenschaften zu begeistern. Denn wenn wir ein wenig in den vergilbten Geschichtsseiten der Burg und den später unter den Bünaus hinzugekommenen Umbauten als Renaissanceschloss herumblättern, scheinen diese Steinkugeln wohl in die Zeit der Dohnaischen Fehde von 1402 zu datieren. Oder sie stammen aus jener unheilvollen Zeit, als marodierende Hussitenbanden im Jahre 1429 durch die dunklen Wälder strichen und Angst und Schrecken unter den Landbewohnern verbreiteten. Wäre es also nicht endlich mal an der Zeit, genau jene Steinschleuderkugeln, die wahrscheinlich als Zeugen dieser schlimmen Tage absichtlich im Mauerwerk hinterlassen wurden, zu untersuchen?
So viel zur Theorie. 

Schloss Lauenstin und die mysteriösen Kugeln
Die Praxis scheint sich hingegen deutlich abenteuerlicher und schweißtreibender zu gestalten. Keine Leiter in Lauenstein scheint auch nur annähernd die benötigte Länge und Stabilität mitzubringen, die für einen sicheren Aufstieg zu dem steinernen Dreigestirn nötig wären. Mit Skalpell und Pinsel soll ich Proben von Zement und Kugel entnehmen, so der Plan. Wenn schon, dann richtig. Und damit sind wir plötzlich wieder beim Klettern – denn als einzige Möglichkeit, den Kugeln in der Wand wirklich nahe zu kommen, entpuppt sich die Variante "Abseilen". Und zwar über das Dach des Schlosses.

Ich hatte eingangs von unerwarteten Überraschungen und Abenteuern erzählt und auch von so mancher Kletterpartie – hier schließt sich also der Kreis. Eine Fortsetzung dürft ihr also unbedingt erwarten. Vorerst suchen wir stabile Abseilpunkte, denn böse Überraschungen sind auf unserer Liste der Abenteuer in Lauenstein nicht vorgesehen.

Hals und Beinbruch bei euren eigenen aufregenden Abenteuern wünscht euch

euer Mario