Samstag, 2. Juni 2018

KW 22: Schwitzen für die Wissenschaft

Selbstverständlich findet man Schätze am liebsten bei idealen Temperaturen – nicht zu warm und nicht zu kalt. Der Ort sollte auch nicht so düster daherkommen. Und wenn schon mit der Schaufel gegraben werden muss, weil die Kiste mit Silber eine Handbreit unter der Erdoberfläche liegt, dann bitte kein unnötiges Wurzelwerk oder gar Steine mittendrin. Das verdirbt den Spaß am Entdecken. Denn was gefunden werden will, hat nur eine bestimmte Reiz-Zeit. Sagen wir mal, eine Stunde oder so. Danach geht die Goldgräberstimmung gehörig in den Keller. Dann liegt die Schaufel als böser Feind im Dreck. Blödes Mistding aber auch! Das war so nicht abgemacht!

Foto: Mario Sempf
Nun, mit Archäologie hat das alles wahrscheinlich wenig zu tun. Manche Geschichte beginnt eher unspektakulär. Zum Beispiel mit einer E-Mail am Montag – so kurz nach Mitternacht. Die Absenderin: eine befreundete Archäologin. Ihr Anliegen: zusätzliche helfende Hände für eine Ausgrabung, bei der am darauffolgenden Donnerstag bereits definitiv die Jalousien fallen würden.
Wir haben 32 Grad Celsius. Geregnet hat es seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr. Der Ort des Geschehens: eine trockene Schneise, der Inbegriff von Ödnis, direkt neben der Autobahn. In dieser Schneise sollen ab Donnerstag riesige Rohre verlegt werden, nachdem die nimmersatte Fräsmaschine den Boden tief genug aufgerissen und damit etwaige Siedlungsspuren von bronzezeitlichen Vorfahren auf Nimmerwiedersehen weggefressen hat. Für Archäologen ist dieses Szenario die normalste Sache der Welt. Leider.
Gegraben wird, ohne sich vorher mit dem Wetter abgesprochen zu haben. Und deshalb schnappe ich mir am Dienstagmorgen mein Rad und strampele ein Stück aus dem Elbkessel heraus, bergauf, wie sich das für spektakuläre Schauplätze gehört. Denn wenn wir schon von Geschichte reden und uns immer wieder archäologische Experimente auf die Fahne schreiben, dann ist es doch wohl das Mindeste, dass wir uns auch immer wieder mal die Hände schmutzig machen. Und ganz ehrlich: Genau danach ist mir persönlich sehr häufig. Freiwillig. Für mich ist eine Entdeckung halbherzig, wenn ich nicht selber mit angepackt und gekeucht habe.

Foto: Mario Sempf
Ein Campingtisch, ein Sonnenschirm, natürlich ein Laptop, zwei Falthocker, dazu zwei Plasteeimer mit Werkzeugen zum Graben und Kratzen – und selbstverständlich Beutel in Hülle und Fülle zum Eintüten der sensationellen Funde. Das reicht für eine Ausgrabung dieser Art. Und schnell stellt sich der Schattenplatz unter dem Schirm als besonderer Luxus heraus, der nur noch durch vier Büchsen Eiskaffee getoppt werden kann, die ich immer noch kühl genug aus den Fahrradtaschen zaubere.
Wonach suchen die zwei Archäologen Anja und René eigentlich hier oben
Nach Siedlungsresten. Nach Spuren aus der Bronzezeit. Denn dass hier auf dem weitläufigen Acker vor 5000 Jahren Menschen siedelten, mit einer gigantischen Fernsicht bis in die Sächsische Schweiz, ist bereits durch Keramikscherben archäologisch belegt worden.
Die bisherigen Funde an „unserer“ Trasse entlang der Autobahn fördern jedoch auch ganz andere Dinge zu Tage. Jedes davon könnte sicher eine eigene Geschichte erzählen. Beispielsweise die deformierte Musketen-Kugel. Jörg, ein amtlich zugelassener Sondengänger, der für das Metall unter der Erde zuständig ist, weiß zu berichten, dass diese hier an einem Stein abgeprallt sein muss. Hätte sie einen menschlichen Körper durchdrungen, wäre sie tropfenförmig deformiert worden. Auch ein Kupferpfennig aus dem Jahre 1746 dürfte seinen Verlierer nicht unbedingt arm, die Archäologen jedoch um ein ganzes Stück reicher an Erkenntnissen gemacht haben. Führte an dieser Stelle etwa ein Handelsweg entlang? Und was haben die scharfen quadratischen Flintsteine zu bedeuten, die hin und wieder zwischen dem lehmigen Erdbrocken auftauchen? Handelt es sich dabei eventuell um jene Feuersteine, ohne die ein Steinschlossgewehr gar nicht das Schießpulver in der Pfanne hätte entzünden können? Wurde hier vor Jahrhunderten gekämpft und blieben die jungen Soldaten nach ihren qualvollen Verletzungen zum Sterben einfach irgendwo hier liegen? Und wo sind ihre Leichen jetzt?

Foto: Mario Sempf
Jörg, der sympathische Rentner mit dem strahlend weißen Hemd, ist mit einer unglaublichen Geduld ausgestattet. Er geht wie ein sich selbst steuernder Rasenmäher alle Stellen ab, die für die archäologische Grabung interessant sein könnten. Dort, wo sein Gerät „anschlägt“, legt er Buchstaben als Markierungen ab. Hier werden wir im Anschluss mit kleinen Kratzwerkzeugen an die Arbeit gehen. Und tatsächlich – Aufregung erfährt die ganze Sache, als die Sonde so heftig brummt, „als sei ein Anker im Uferschlamm der Elbe vergraben“. Uns allen läuft der Schweiß von der Stirn und sogar die Unterarme entlang. Der Eiskaffee ist schon längst aus den Hautporen gedrungen. Dennoch werden plötzlich neue Energien freigesetzt.
Nach halbstündigem Schaben in einem widerspenstigen Boden, der Erde zu Steinschollen ausgedörrt hat, taucht ein undefinierbares, rostiges Etwas auf. Nein, nach einer Dolchklinge sieht das nicht wirklich aus, auch nicht nach einer Rüstungslamelle – auch wenn ich es mir wünsche. Viel wahrscheinlicher ist der Fund als ein Rest eines Werkzeuges zur Ackerbearbeitung zu deuten. Und vielleicht tauchen unter Schwarzlicht noch ein paar geheime Zeichen auf?
 Das ist es, was Archäologen das Herz höher schlagen lässt. Damit lassen sich Puzzlesteine zu einem Bild zusammensetzen – auch wenn dieses aus zigtausend Einzelteilen bestehen sollte. Aber was macht das schon? Es war ein fantastisches Abenteuer da oben auf dem Acker.

Foto: Mario Sempf
Ob ich danach ordentlich schmutzige Hände hatte?
Das ist das Mindeste. Eher hätte ich den Rückweg nicht angetreten. Und Druckstellen an den Knien, die gehören auch dazu. Ach, wie liebe ich die Bronzezeit!
Hatte ich schon verraten, dass ich zum Schluss noch einige kühl gebliebene Radler aus meiner Fahrradtasche gezogen habe? Die hätte ich fast vergessen, das wäre echt übel geworden …

Euer Mario